Geschichte : Hausfrauen-Report

Die Revolution erreicht 1968 auch die Küche: Frisch ist nicht mehr wichtig, es gibt Flips, Fischstäbchen, Cocktailwürstchen, Ravioli. Nur eines bleibt, wie es war: Mutti spült.

Mittags um eins war die Welt noch in Ordnung. Dann kam Papa pünktlich nach Hause, und alle wussten, was es gab: donnerstags Leber, freitags Fisch, samstags Eintopf, sonntags Braten. Und zum Nachtisch Pudding und Kompott. Mittags wurde immer warm gegessen, deutsche Hausmannskost, abends gab es Abendbrot: Tomatenbrot, Knäckebrot, überbackener Käsetoast. Selbst die Dekoration auf dem Teller war verlässlich: eine Scheibe Ei, ein Sträußchen Petersilie (die damals immer kraus war), ein Viertel Tomate. Mama stand am Herd, Papa saß am Tisch vor Kopf, Kinder hatten den Teller leer zu essen. Jede Form des Widerstands wurde mit der Keule erschlagen: „So lange Du Deine Beine unter meinen Tisch stellst…“

Kein Wunder, dass die Revolutionierung des bürgerlichen Individuums am Esstisch begann – und an der Spüle schon wieder endete. In der Kommune der Großstadt hörte man nicht auf die Uhr, sondern auf den Magen. Frühstück am Nachmittag? Kein Problem. Der Tisch, um den die Kommunarden und die ständig wechselnde Gästeschar den ganzen Tag saßen und redeten, wurde ja nie abgeräumt. Milch in der Tüte und Margarine im Plastikbecher standen allzeit bereit, so wie der italienische Rotwein in der Zwei-Liter-Flasche. Der war erstens billiger und zweitens revolutionärer als der Weiße von der Mosel, den der spießige Papa immer trank.

Kinder schmissen das Essen an die Wand, Eltern kochten Pasta asciutta, Frauen spülten ab. Die Tischordnung war zwar über den Haufen geworfen worden, auch das Porzellan zerschlagen – statt vom großen Rosenthal-Service aß man von getrödelten Tellern, jede Gabel war ein Einzelstück –, nur die Geschlechterordnung blieb meistens erhalten.

Das berühmte WG-Kochbuch „Schlaraffenland, nimms in die Hand!“ erschien erst 1975 bei Wagenbach. 1968 war „Dr. Oetkers Schulkochbuch“ noch ziemlich konkurrenzlos. Das kannte nur einen Adressaten: die Hausfrau. Und die musste erzogen werden. „Es gehört ein nicht geringes Maß von Kenntnissen und Erfahrungen dazu, um eine Küche nach gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten richtig führen zu können“, wurde die Leserin ermahnt. „Es ist Pflicht jeder Hausfrau, sich dieses Wissen in allen Einzelheiten anzueignen; denn sie soll ihre Familie nicht nur satt machen, sondern gesund und leistungsfähig erhalten. (...) Alle Küchenmöbel müssen so angeordnet sein, dass unnötige Schritte beim Arbeiten vermieden werden; ihr Anstrich sei hell und abwaschbar.“

Die Mahnung war überflüssig, denn in den Neubauten der Nachkriegszeit war die winzige, klinisch weiße Einbauküche, in der allein die Hausfrau Platz hatte, das gängige Modell – die gute alte Wohnküche führten erst die 68er wieder ein.

Nein, die bürgerliche Küche war kein Ort des Vergnügens, sondern ein Arbeitsplatz: Hausfrau war der verbreitetste Beruf unter Frauen. Und so verriet ein Werbefachmann, man dürfe Suppen nicht mit dem Versprechen anpreisen, die Hausfrau habe dann keine Arbeit mehr. „Das trifft den falschen Nerv. Man muß verkünden(...), daß sie durch neue Produkte keine faulere, sondern eine bessere Hausfrau wird.“ In einer Reklame, die Alufolie als neue Errungenschaft anpreist, heißt es denn auch: „Versilbern Sie ihm sein 2. Frühstück. Das Hühnerschenkelchen vom Vortag, das Schinken-und-Käse- Sandwich oder was Ihnen halt so einfällt. Das lässt seinen Kollegen das Wasser im Mund zusammenlaufen.“

Eine Zeitschrift wie „Essen und Trinken“ gab es damals noch nicht, die kam erst 1972 auf den Markt. Die wichtigste aktuelle Quelle für kulinarische Anregungen war die „Brigitte“. Die servierte vor allem Deftiges, viel Gehacktes zum Beispiel, das gab’s günstig und ließ sich noch strecken, mit alten Brötchen oder, bei der gefüllten Paprika, mit Reis. Man füllte sowieso mit Leidenschaft alles, was ein Loch hatte oder in das man eins bohren konnte: Tomaten, Eier, Schinkenröllchen – mit Mandarinen, Krabbenfleisch und der allgegenwärtigen Mayonnaise. Es kam viel Fleisch auf den Tisch, Kotelett, Hammelfleisch, „Eingeweide“ – „die im Innern des Tierkörpers liegenden Weichteile“, wie es in einem Kochbuch beschrieben steht, Hirn, Zunge, Lunge, Nieren, Gekröse. 1968 war die Bundesrepublik „das Rekordland des Wurstverbrauchs“, wie der Tagesspiegel meldete, „mit zur Zeit rund 27 Kilo jährlich pro Kopf“.

Die Angst, nicht genug zu essen zu bekommen, hatte sich offenbar noch nicht ganz verflüchtigt, obwohl die erste Fresswelle schon abflaute und von Diäten mit Pampelmuse und hartgekochtem Ei abgelöst wurde. Aber der Krieg lag erst 23 Jahre zurück, kaum länger als heute der Mauerfall. Kaffee und Butter waren immer noch Luxusprodukte, weswegen man auch gern betonte, dass es sich um Bohnenkaffee und gute Butter handelte. Häufiger stand Margarine auf dem Tisch.

Beim Fisch war der Hering der Bestseller, der, wie es in einem Kochbuch heißt, „in ungeheuren Mengen die Tiefen der Nord- und Ostsee bewohnt“. Quark war damals so allgegenwärtig wie Joghurt es heute ist, Pasta gab’s seltener als Reis – und wenn, dann eher Makkaroni als Spaghetti. Toast wurde gerne überbacken, der „Frankfurter Toast“ etwa, ein Rezept aus der „Brigitte“, wurde mit Ketchup bestrichen, mit Würstchen belegt und einer Mischung aus Büchsenmilch, Schmelzkäse und Stärkepuder überbacken. Als Käse kriegte man ja praktisch nur fünf Sorten, Holländer (Gouda), Holländer (Edamer) – Käse aus Holland war ein Qualitätsprädikat, Frau Antje sei Dank –, Harzer Stinkekäse, Kinderkäse (Schmelzkäse) und Scheibletten, die man kaum von der Plastikfolie zwischen den Scheiben unterscheiden konnte. Parmesan gab’s nur als Pulver, mit Mirácoli. Nur altmodische Muttis kochten noch alles selber.

Man lebte jetzt rasant, Stehcafés von Tchibo und Eduscho waren der letzte Schrei, Dr. Oetker führte die Trockenbackhefe ein. Noch bevor der erste McDonald’s 1971 eröffnete, gab es plötzlich überall Pommesbuden, wie die Pizzerien ein Andenken an die immer häufigeren Urlaubsreisen: Was die Holländer hatten, wollten wir auch. Schaschlik war der Hamburger der 60er Jahre, man spießte damals furchtbar gerne auf: Käsewürfel, Cocktailwürstchen, Ananas aus der Dose. In der steckte so vieles drin, Mandarinen, Ravioli und Frühstücksfleisch, so wie der Spargel aus dem Glas, die Suppe aus dem Päckchen, Mayonnaise aus der Tüte kam. Das war nichts, wofür man sich schämte, im Gegenteil, man glaubte doch an Fortschritt, Technik und Mondwanderung. Konserven waren schick, Büchsenmilch war edler als frische Milch und moderner als Sahne. Mit zehn Kilo Dosenmilch pro Kopf und Jahr standen die Berliner beim deutschen Verbrauch an der Spitze.

Vielleicht hatte man das vom amerikanischen Beschützer gelernt: Selbst der französische Koch im Weißen Haus rührte sein Boeuf Stroganoff mit Pilzsuppe aus der Dose an. Wie ein Kritiker schrieb, benutzten Kochbuchautoren in den USA so viele Konserven, als würden sie für ein Leben im Atombunker üben.

Man lernte jetzt von der großen weiten Welt. Maggi nahm „Bohnen-Eintopf-Suppe serbische Art“ neu ins Sortiment, die Deutschen, so Wolfram Siebeck, „legten Rumtöpfe an und aßen ihren Salat aus skandinavischen Holzschüsseln. Gratinformen wurden vorsichtig mit einer halben Knoblauchzehe ausgerieben, und die Gewürzborde vergrößerten ihren Bestand um Rosmarin, Estragonsenf und Curry.“ Noch 1971 allerdings, so Siebeck, kriegte man auf dem Viktualienmarkt keine Schalotten, erst 1972 wurde das erste deutsche Feinschmeckerlokal eröffnet, das Tantris.

Geschlemmt wurde zu Hause. In fast jedem Heft gab die „Brigitte“ Nachhilfeunterricht für Partys aller Art, empfahl fürs sommerliche Gartenfest zehn Kilo gekauften Kartoffelsalat mit einem Kilo Fleischsalat zu mischen und ermahnte die Gastgeber, die sich, animiert vom ersten Frankreichurlaub, auch ein bisschen savoir vivre in ihr Heim holen wollten: „Die Franzosen lassen sich Zeit zum Essen. Ein französisches Essen kann ruhig zwei Stunden dauern. Deshalb laden Sie am besten schon für 18 Uhr oder am Sonntagnachmittag ein.“

Chips und Flips, Anfang der 60er Jahre auf den deutschen Markt gekommen, waren der große Hit. Statt gemeinsam am Abendbrottisch wurde immer häufiger vor der Glotze geknabbert. Der Fernseher hatte das Familienoberhaupt von seinem Sockel gestürzt: dass die Ordnung am Esstisch damals nicht nur bröselte, sondern bröckelte, daran waren daher nicht allein die studentischen Revolutionäre schuld. Auch die Arbeitswelt wandelte sich, immer weniger Deutsche gingen mittags nach Hause.

Inzwischen hatten fast alle Familien einen Kühlschrank mit Tiefkühlfach und Fischstäbchen. Auch wenn es die schon seit sechs Jahren in der Bundesrepublik gab, erklärte die „Brigitte“ ihren Leserinnen 1968 noch auf einer ganzen Seite, was das denn sei. „Das Fischfilet für die Fischstäbchen wird schon in der Fabrik in Scheiben geschnitten, gewürzt, paniert und dann tiefgekühlt. Sie kommen unaufgetaut in die Bratpfanne und sind in 8 bis 10 Minuten tischfertig.“ In der DDR konnte man sie 1968 das erste Mal kaufen, dort wurde auch das „Rostocker Fischstäbchen-Fondue“ erfunden: „Bereits vorgebratene, unaufgetaute Fischstäbchen in zwei bis drei Stücke teilen. Mit der Fonduegabel aufspießen, im heißen Öl des Fonduetopfs zwei Minuten braten. Dann von der Fonduegabel auf den Teller streichen und mit Mix-Mayonnaise, verschiedenen kalten Soßen, Mixed Pickles oder mit Früchten verzehren.“

„Im Osten isst man auch nicht schlecht!“, titelte die Zeitschrift „Jasmin“. BRD und DDR waren sich beim Essen ähnlicher, als sie es wohl sein wollten. Auch drüben herrschte übrigens Ordnung. In dem 1968 im DDR-„Verlag für die Frau“ erschienenen Buch „Wir kochen gut“, das sich in Text, Rezepten und Bildern kaum von dem Klassiker aus dem Hause Dr. Oetker unterscheidet, steht unter anderem minutiös beschrieben, wie man einen Tisch deckt. „Das faltenlose Tischtuch muss ringsum gleichmäßig lang über die Tischkante hängen.“ Und nach dem Essen „ist es die Angelegenheit des Gastgebers, für Rauchwaren zu sorgen“.

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