Geschmacksentwicklung bei Kindern : Ist das etwa Gemüse?

Das Kind: „Maag nicht!“ Die Eltern: verzweifelt. Wie sich der Geschmack der Kleinen entwickelt, was Psycho-Tricks helfen und wir von Japanern lernen können.

Felix Denk
Auf den Geschmack gekommen: Essverhalten ist gerlernt, nicht vererbt, sagt die Food-Autorin Bee Wilson.
Auf den Geschmack gekommen: Essverhalten ist erlernt, nicht vererbt, sagt die Food-Autorin Bee Wilson.Foto: Africa Studio Fotolia

Wann das genau losging, wissen wir nicht mehr. Auch nicht, wie es dazu kam. Als er zwei Jahre wurde, ernährte sich Oskar plötzlich bloß noch von Vanillejoghurts. Morgens, mittags, abends. Wochenlang. Er wollte nur einzeln abgepackte Joghurts – und die ausschließlich mit einem hellgrünen Löffel essen.

Seine merkwürdige Fixierung hörte nach ein paar Wochen wieder genau so abrupt auf, wie sie gekommen war. Seither hatte er eine Honigbrot-Phase, gefolgt von der Reis-mit-Mais-, Reis-mit-Erbsen-, Reis-mit-Hühnchen- und Nudeln-ohne-alles-Phase. Kommt in dieser Zeit etwas anderes auf den Tisch, hört es die halbe Straße: „Maaag nich!“

Kinder, ohnehin unverdorben von Dingen wie Höflichkeit, sind bei Tisch kompromissfähig wie die Taliban. Kurze Umfrage im Freundeskreis. Da ist ein Kind, das die Pizza nur essen kann, wenn die Stücke exakt quadratisch geschnitten sind und mit kleinen, runden Salamistücken belegt. Da ist das Baby, das den Brei nur schlucken will, wenn es einen Löffel mit Brei gleichzeitig an das Bein der Mutter schmieren darf. Ein anderer ist allein dann bereit, ins Brot zu beißen, wenn die Poren der Krume nicht zu groß, aber auch nicht zu klein sind. Probleme können bereiten: Farbe, Form, Konsistenz, Temperatur und Verpackung von Lebensmitteln. Und da ist man noch nicht mal bei dem mutmaßlich wichtigsten Faktor: dem Geschmack.

Kinder als einfache Esser zu bezeichnen, wäre wie Donald Trump einen Mann der Mitte zu nennen. Blöd nur: Es liegt gar nicht an ihnen.

Die Eltern sind schuld

Mit ihren merkwürdigen Essgewohnheiten haben die Kinder nämlich ziemlich mächtige Verbündete. Und das sind wir, ihre Eltern. Zu diesem einigermaßen deprimierenden Befund kommt auf jeden Fall Bee Wilson, die sich in den letzten Jahren den Ruf erschrieben hat, eine der besten Food-Autoren Englands zu sein. Auf den spannenden 250 Seiten ihres aktuellen Buches „First Bite. How We Learn to Eat“ (Erster Bissen. Wie wir lernen zu essen) geht sie der Frage nach, warum wir essen, was wir essen. Ihr Ergebnis: Unser Verhalten ist gelernt, nicht geerbt. Und am wichtigsten dafür sind die ersten Jahre des Lebens. Weil sie die folgenreichsten sind.

Wie wir uns mit zwei Jahren ernähren, ist ein ziemlich sicherer Indikator, wie wir es mit 20 tun werden. Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht, die dramatisch zunehmen, können durch die richtige Verpflegung in der Kindheit deutlich verringert werden. Und schon heute ist falsche Ernährung ein großer Kostenfaktor des Gesundheitssystems.

Starker Faktor Erinnerung

Allerdings ist der Prozess der menschlichen Geschmacksbildung komplex. Da sind viele Kräfte am Werk. Familie und Kultur, Geschlecht und Erinnerung, Hunger und Liebe. Wilson sammelt ihre Beispiele in der ganzen Welt. Wie stark der Faktor Erinnerung ist, hat etwa die Gehirnforschung herausgefunden. Bei einem Experiment wurden Franzosen mit und ohne nordafrikanischen Migrationshintergrund die Hirnströme vermessen, als sie Minztee tranken. Die Muster unterschieden sich stark. Bei der ersten Gruppe zeigte sich eine viel höhere neuronale Aktivität.

Was es dagegen praktisch nicht gibt, ist der genetisch vererbte Geschmack. Gene mögen einen gewissen Einfluss haben – etwa wie bitter wir etwas empfinden, wie gerne wir etwas essen und sogar wie viel davon. Insgesamt spielen sie aber eine Nebenrolle, wenn es um Essgewohnheiten geht. Es ist, so Bee Wilson, keine unabänderliche Disposition, dass Frauen gern Schokolade knabbern und Männer die Gemüsebeilage neben dem Steak verschmähen. Das ist gelerntes Rollenverhalten.

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