Jakob Arjouni : Vertrauen in den Markt

An dem einen Stand kauft er ein Dutzend Austern, beim Metzger freut er sich über den Schweinekopf, mit dem Weinhändler hält der Schriftsteller einen Plausch. Ein Streifzug mit Jakob Arjouni über den Pariser Marché Richard Lenoir.

Susanne Kippenberger
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Gernesser. Jakob Arjouni, 44.Foto: Roger M. Eberhard

Eddy, der kleine Gauner. Der Berliner weiß, wie man einen Reisenden aus der Provinz gebührend beeindrucken kann – um ihn dann umso leichter auszunehmen. Am Hauptbahnhof hat er Herrn Dregerlein aus Bochum aufgegabelt, jetzt führt er ihn in ein „Spezialitätenrestaurant für Meeresfrüchte“. Der Plan geht auf, „zwei Stunden, zwei Meeresfrüchteplatten und drei Flaschen Weißwein später“ hat Eddy sein Ziel erreicht, hat Brieftasche und Cashmeremantel von Herrn Dregerlein eingesteckt. Von seiner Arbeit als Straßenmusiker kann er schließlich nicht leben.

„Der heilige Eddy“, so heißt der neue Roman von Jakob Arjouni, der selber gerne Austern isst. Sehr gerne. Nur nicht in Berlin. Austern kriegt er in Frankreich viel frischer und billiger, weshalb er auch jetzt ein gutes Dutzend kauft, an einem Pariser Marktstand, der wie eine einzige riesige Meeresfrüchteplatte wirkt. Es ist kühl, und es nieselt, aber das hält Arjouni nicht davon ab, wie jeden Sonntagmorgen auf den Marché Richard Lenoir hinter der Bastille zu gehen.

Es ist ein denkbar ungünstiger Tag für einen Einkaufsbummel, der Schriftsteller muss noch einen Haufen Kisten packen, die Familie zieht endgültig nach Südfrankreich aufs Dorf. Von Paris hat der Deutsche genug, „das ist eine Postkarte für Reiche, eine Stadt voller Singles, sehr schön, sehr einsam.“ Und kinderunfreundlich. Die Abgase will er Sohn Emil nicht länger zumuten, auch nicht den Kindergarten, auf dessen Hof die Kleinen nicht spielen dürfen, weil er denkmalgeschützt ist.

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Gut gekühlt. Mancher Stand wirkt wie eine einzige große Meeresfrüchteplatte.Foto: Ullstein


Gerade deswegen mag Arjouni den Markt: weil er so ist, wie Paris früher mal war, das Publikum so gemischt wie einst in den Cafés, in denen sich ganze Viertel trafen, Arbeiter, Intellektuelle, Obdachlose. „Hier, das ist noch ein bisschen wie das Paris von Jean Gabin“, erzählt er, mit seiner nasalen Stimme, die immer klingt, als sei er erkältet. „Es ist der beste Markt, den ich kenne.“ Und er kennt einige.
„Markthallen, Märkte, Rindswurst, Obstbäume, dunklen Honig, Suppen, Aperitifs, Einzelhändler, zur Speise passendes Besteck, alte Gläser, altes Hotel-Porzellan, Innereien“, das alles hat Arjouni mal auf die Frage geantwortet, was er mag. Auf einem Markt hat der Deutsche auch selber schon gearbeitet: in Montpellier. Nach dem Abitur hat er in Südfrankreich ein paar Jahre lang gejobbt, auch als Kellner und Erdnussverkäufer, und gegen die Einsamkeit angeschrieben. Als „Happy Birthday, Türke“ erschien, der Roman, der ihn bekannt gemacht hat und den Doris Dörrie später verfilmte, war Arjouni Anfang 20.

Auf dem Weg zum Markt biegt er in eine alte, gekachelte Bäckerei ein, holt sich ein Croissant als Frühstück für unterwegs. In den Monaten zuvor hat der 44-Jährige viel Zeit in Kreuzberg verbracht, denn dort lebt Eddy, die Hauptfigur seiner kriminalistischen Farce. Eddys Nachbarn sind Italienurlauber und Wochenmarktfans, beim Straßenfest gibt es natürlich selbst gepressten Apfelsaft, den Eddy, der Trickbetrüger, brav lobt. Eine heile Welt bis zur schicksalhaften Begegnung mit Horst König im Kreuzberger Treppenhaus. König hat in den USA ein Vermögen mit deutscher Bratwurst gemacht.

Arjouni spricht in eher nüchternem Tonfall, aber wenn er von Bratwürsten erzählt, gerät er ins Schwärmen. Am liebsten kauft er sie in Südfrankreich, „da hat jeder Fleischer in jedem Dorf sein eigenes Rezept, und er steht auch dahinter. Wenn die Wurst verpfeffert ist, kannst du am nächsten Tag hingehen und sagen: Was war das denn! Und der sagt, um Gottes willen, und gibt dir eine neue. Wenn ich einen deutschen Metzger frage, welche Wurst heute gut ist, sagt der: alle. Das kann gar nicht sein.“

Würde man den Gernesser jetzt aber als „Gourmet“ bezeichnen, würde er das als Beleidigung verstehen. Das ist etwas, was ihm in Deutschland auf die Nerven geht: dass Essen so zelebriert wird, die ganze Zeit darüber geredet wird, „furchtbar“ sei das. „Am liebsten rede ich gar nicht darüber, sondern esse halt und spreche über was anderes.“ Besonders kochende Männer, das Kochen als Attitüde, findet er „wahnsinnig anstrengend“. „Ich bin mehr wie eine Mama.“ Hauptsache, es steht was Gutes auf dem Tisch. Wenn er auf dem Markt für ein paar Euro die tollste Marmelade kriegt, warum sollte er sich stundenlang in die Küche stellen. „Die Zeit habe ich nicht, ich hab’ ja eigentlich was anderes zu tun.“ Oder Oliven selbst anbauen, was für ein Quatsch, hier bekommt er doch die tollsten Früchte.

Arjouni mag es sowieso rustikal. Auf die Frage, was er nicht leiden kann, hat er geantwortet: schlecht abgewaschenes Geschirr, Frittiertes, Fischbesteck. Schnöselig nennt er das. „Es gibt keinen Fisch, den man damit essen kann, außer Filets, und dann braucht man’s nicht.“ Er selbst isst Fisch am liebsten im Ganzen, da braucht er schon ein wirklich scharfes Messer, um ihn zu zerteilen.

In Frankfurt geboren, hat Arjouni die ersten Jahre seines Lebens auf dem Land verbracht, bei einer Pflegetante, der er seine Liebe zu den einfachen Genüssen und zum Garten verdankt. „Die war Österreicherin, die hat alles, was sie gemacht hat, aus dem Garten geholt, bis aufs Fleisch. Da war immer was am Brutzeln, am Kochen, Knödel und Schnitzel und Suppen und Pfannkuchen.“ Damals, als Kind auf dem hessischen Land, hat er zugesehen, wie die Schweine geschlachtet wurden. Jetzt, auf dem Pariser Markt, erfreut er sich an der Schweineschnauze und den Schweinefüßen, die der Metzger in seiner Auslage hat.

Arjouni kauft Sauerampfer ein, nimmt noch einen Kürbis mit, „natürlich“ kauft er immer zu viel. „Eigentlich bin ich eine ziemlich gute Hausfrau. Ich kann gut essen, ganz gut kochen, aber vor allem kann ich gut einkaufen.“ Als hätte er plötzlich bemerkt, dass dies sein letzter Marktbesuch in Paris ist, sein Abschiedsspaziergang, unterhält sich der Schriftsteller noch ein bisschen länger mit dem Weinhändler, der ihm den Chardonnay zum letzten Familienfest geliefert hat. Er unterhält sich gern mit ihm. So wenig wie mit den ambitionierten Kochkünstlern kann Arjouni mit der Intellektuellenszene anfangen, „die ist ja überall auf der Welt zum Kotzen, humorlos und eitel, aber hier ist sie besonders zum Kotzen. Die Intelligenz findet sich in Frankreich auf dem Land, bei den Bauern.“

Der Deutsche hat selber schon ein Restaurant in Paris eröffnet, zumindest auf dem Papier. „Chez Max“, so hieß sein letzter Roman, dessen Hauptfigur Restaurantbesitzer und Spitzel ist. „Cuisine allemande“ gibt’s bei Max, darunter eine Fischsuppe namens Günter, so benannt nach dem Literaturnobelpreisträger.

Die Korbtasche wird immer voller und schwerer, Plastiktüten kommen dazu. Deswegen geht Arjouni in Frankreich so gern auf den Markt: Weil er vorher nicht darüber nachdenken muss, was er braucht. „Das kommt mir da entgegen.“ In Berlin müsse er immer erst genau überlegen, was er kochen will, und dann in einen anderen Bezirk fahren zu einem Metzger, der auch das richtige Fleisch hat. Was man an der Spree allerdings besser als an der Seine könne: billig und trotzdem gut speisen. Sein Stammlokal war das Vereinszimmer in der Kreuzbergstraße, „da kann man mittags wunderbar essen, Nudeln mit getrockneten Tomaten und Parmesan, ganz einfach und immer gut. Das heißt: nicht immer, das gehört ja auch dazu, manchmal hat der Koch halt schlechte Laune.“

Kochen und Schreiben hat für ihn beides mit Intuition zu tun. Dass man eher ahnt als weiß, was man da gerade anstellt: „Wenn man oft Entenconfit macht, hat man irgendwann die Idee, das mal mit Koriander zu versuchen, und merkt, das schmeckt ausgezeichnet. Beim Schreiben geht’s ja auch immer ins Dunkle.“ Und wenn er schreibt, kocht er gern: zur Entspannung. Arjouni macht überhaupt alles gern, was dazu gehört, auch das Abwaschen, die ganze Küchenarbeit, Tischdecken, „das gehört ja alles dazu … Das ist wie Yoga.“

Wir gehen noch in ein Café, das nicht aus dem Paris von Jean Gabin stammt. Der Grillteller, der am Tisch vorbeigetragen wird, lädt nicht zum Kosten ein, der doppelte Espresso, den Arjouni bestellt hat, kommt als einfacher, serviert in einer überdimensionierten, albernen Tasse. Aber wie sagt Eddys Freund Arkadi im Roman: „Das Leben ist ja nicht nur Ziegenkäse mit Pesto, was, mein Lieber?“
Zum Glück, würde Arjouni nun wieder sagen, denn Ziegenkäse mit Pesto, das ist für ihn typisches „Museumskantinenessen“. Bei ihm gibt’s an diesem Sonntagmittag Weißwürste, französische Weißwürste – „die sind doppelt so lang und dick wie die Münchener“ – mit Apfelmus und süßem bayerischen Senf.

„Der heilige Eddy“, Diogenes Verlag, 256 Seiten, 18,90 Euro; als Hörbuch von Jakob Arjouni gelesen, 24,90 Euro. Am 5. März um 19.30 Uhr tritt der Autor im Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, auf.

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