Neue Doku : Früchte des Zorns

Eric Schlosser hat mit „Fast Food Nation“ die Welt aufgerüttelt. Nach den Imbissketten nimmt er sich in seiner neuen Doku nun die Gemüseplantagen vor.

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Prall liegen sie da, im Supermarkt-Scheinwerferlicht, leuchten rot und verlockend. Paradiesäpfel, Paradeiser, so nennen die Österreicher Tomaten. Geerntet wurden sie in der Hölle. In einem Teil von Florida, in den sich kein Tourist verirrt, verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Im Akkord pflücken Einwanderer und illegale Arbeiter, die meisten von ihnen aus Mexiko, die noch grünen Früchte, galoppieren mit schweren Eimern zum Laster, werfen sie hoch, im Schnellschritt geht’s bei brüllender Hitze zurück zu den Büschen. Denn bezahlt wird nach Gewicht, einen Cent pro Pfund. Am Ende eines Zehnstundentages, erzählt ein Arbeiter, hat er 42,27 Dollar verdient. Dafür hat er mehr als 4000 Pfund Tomaten geerntet. Und kann froh sein, dass er überhaupt was in der Tasche hat. Jeden Tag bestimmt der Vorarbeiter, wer schuften darf.

„Food Chains“ heißt der Berlinale-Film, der die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Tomatenpflücker in Florida vorführt. Mit den Food Chains sind nicht nur die Nahrungsketten gemeint, der Titel bezieht sich auch auf die Ketten, die den Markt beherrschen und die Preise bestimmen: Supermärkte, Discounter, Fast-Food-Lokale. Und die Ketten der Sklaverei. „Früher haben uns die Sklaven gehört“, sagt ein Farmer, „jetzt mieten wir sie.“

Es reicht!, das hatte Eric Schlosser sich eigentlich schon vor Jahren geschworen, so intensiv hatte er sich mit dem Thema beschäftigt. 2001 erschien sein Millionen-Bestseller „Fast Food Nation“ über die unappetitlichen Hintergründe des Geschäfts mit Hamburger & Co, den Richard Linklater in einen Spielfilm verwandelte und Schlosser selbst in ein Kinderaufklärungsbuch („Chew On This“); dann arbeitete er an „Food Inc.“ mit, der vor fünf Jahren auf der Berlinale lief, über die verheerenden Folgen der industrialisierten Lebensmittelproduktion und die Macht des berüchtigten Giganten Monsanto. Eigentlich wollte der studierte Historiker mal Schriftsteller werden.

Die Wettbewerbsfilme der Berlinale 2014
'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent Campus teil, jetzt präsentiert er sein Langfilm-Debüt im Wettbewerb des Festivals. 1971 in Belfast: Dem Rekruten Gary wird bei einem Handgemenge die Waffe entrissen. Gemeinsam mit einem Kameraden jagt er den Dieb und erlebt auf dem Rückweg zur Kaserne eine albtraumhafte Nacht. Großbritannien, 98 Min., R: Yann Demange, D: Jack O’Connell, Paul Anderson, Sean HarrisWeitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Twentieth Century Fox
28.01.2014 17:54'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent...

Und jetzt? Jetzt sitzt er bei einem Teller Gnocchi im Kreuzberger Kaffeehaus, um über „Food Chains“ zu reden, den er beim Kulinarischen Kino der Berlinale vorstellen wird. Er hat den Film zusammen mit der Schauspielerin Eva Longoria („Desperate Housewives“) produziert, als Aktivisten treten beide in der Doku auch auf. Schlosser konnte nicht anders. Die Sache der Arbeiter liegt ihm am Herzen. Die Frage sozialer Gerechtigkeit.

Mit den Erdbeeren fing alles an. Als Peter Wilson, republikanischer Gouverneur Kaliforniens in den 90ern gegen die ausländischen Wanderarbeiter hetzte, das seien doch alles Parasiten, und Schlosser loszog, zu recherchieren, wem er eigentlich die Früchte verdankte, die er so liebt. Was er sah, war ein Schock, den er in einer Reportage festhielt. Ohne die „Parasiten“, so sein Fazit, sähe Kalifornien ziemlich alt aus.

Eric Schlosser isst gern, aber macht keine Philosophie daraus, ist weder Gesundheitsfanatiker noch Gourmet. Zum Tee lechzt er nach ein paar Plätzchen. „I have a sweet tooth“, sagt der 54-Jährige mit fast verlegenem Schuljungen-Grinsen. Kekse gibt’s keine, dafür Apfelstrudel mit Sahne. Noch besser. Schlosser isst auch Fleisch, in Maßen, Obst und Gemüse möglichst bio und regional. Letzteres ist ihm im Zweifelsfalle wichtiger. Allerdings, schiebt er gleich hinterher, lebt er mit seiner Frau, Robert Redfords Tochter Shauna, auch in der Nähe von Monterey in Nord-Kalifornien, einem ganzjährigen Schlaraffenland. Die Künstlerin ist die Köchin im Hause. Dafür, sagt Schlosser, sei er „der beste Abwascher der Welt“.

Seit dem Erscheinen von „Fast Food Nation“ 2001 hat sich viel, sehr viel getan. Das Bewusstsein für das, was auf den Teller kommt (und woher es kommt) ist gewachsen, Essen ein Riesenthema geworden. So groß, dass es schon einen Backlash gegen die sogenannten „Foodies“ gibt, vor allem deren Selbstgefälligkeit und Gutmenschentum.

Sich vegetarisch, noch besser: vegan, zu ernähren ist in. Doch wer sich von Tomaten und Trauben ernährt, ist nicht automatisch ein besserer Mensch, das führt „Food Chains“ drastisch vor Augen. Die Tomatenpflücker in Miami und die Traubenpflücker im malerischen Napa Valley, berühmt für edlen Wein, werden in Behausungen gepfercht, die kaum besser sind als Legebatterien für Hühner: 15 Mann in einem Trailer. Nur, das hat Schlosser immer wieder erlebt, ist es sehr viel einfacher, Menschen gegen die Misshandlung von Tieren zu mobilisieren als zum Protest gegen die Ausbeutung von Menschen.

Aber der Journalist ist niemand, der gegen die Gleichmütigen geifert. So groß seine Empörung gegen Unrecht und Armut ist, sie kommt leise, lächelnd und eloquent daher. Nicht allein wegen seiner sportlichen Gestalt hat man sich Schlosser als das Gegenteil von Michael Moore vorzustellen. Er tritt bescheiden und zurückhaltend auf, seine Attacken sind nicht persönlich, ihm geht es ums System. Also versucht er es im Guten: Menschen seien doch auch nur Tiere, zweibeinige eben.

Sein freundliches Wesen hat dem investigativen Rechercheur so manche Tür geöffnet, die ihm eigentlich versperrt bleiben müsste. Die Tore von Gefängnissen zum Beispiel, sein neues Riesenprojekt, oder die der Rüstungsindustrie. „Die Atomwaffenarsenale der USA und die Illusion der Sicherheit“, heißt sein gerade im C.H. Beck Verlag erschienenes Buch „Command and Control“ im Untertitel.

Wie er die Türen öffnet? Schlosser lächelt amüsiert und zuckt mit den Schultern. „Ich sage immer offen, worum es geht, sage die Wahrheit. Naja“, er grinst, „vielleicht nicht die ganze Wahrheit. Aber ich lüge nicht.“ Nur ein einziges Mal musste er sich undercover einschleichen: um in die Schlachthöfe zu kommen, die für ihn das Herzstück von „Fast Food Nation“ sind. Er recherchiert immer alles selbst und ganz genau, ohne Hilfe von Assistenten. „Ich bin ein Kontrollfreak.“

Im Mittelpunkt von „Food Chains“ steht eine Gruppe von Arbeitern, die es wagen, gegenüber den übermächtigen Supermarkt- und Fast Food-Ketten für mehr Rechte zu kämpfen, die Coalition of Immokalee Workers. In den 60er Jahren gab es schon mal eine starke Landarbeiterbewegung in den USA, angeführt von dem Kalifornier César Chávez, dem ein Spielfilm auf der Berlinale gewidmet ist. Für Latinos in den USA, erzählt Schlosser, ist Chávez so wichtig wie für die Schwarzen Martin Luther King. In einigen US-Bundesstaaten ist ihm ein eigener Feiertag gewidmet. Später ging’s mit der Gewerkschaft bergab.

Während wir im Kaffeehaus über „Food Chains“ reden, sitzt Regisseur Sanjay Rawal noch  im Schneideraum und bringt den Film zu einem guten Ende. Er baut den aktuellen Erfolg der Arbeiterkoalition noch ein: Vor zwei Wochen ist Walmart einigen Supermärkten und Fastfood-Lokalen gefolgt und hat sich dem „Fair Food Program“ angeschlossen, das ein Minimum an Fairness garantiert – und einen Cent mehr pro Tomatenpfund. Walmart, so die Filmemacher, setzte 2011 325 Milliarden Euro um – mehr als der deutsche Haushalt 2013 umfasst.

Die Probleme, um die es in „Food Chains“ geht, sind keine spezifisch amerikanischen. Pünktlich zum Wirtschaftsforum in Davos hat Oxfam eine neue Statistik vorgelegt, nach der einem Prozent der Menschheit so viel wie der armen Hälfte der Welt gehört. Zu diesen Megareichen gehören auch die Besitzer von Aldi und Lidl, die gerade wieder mit Dumpingpreisen Schlagzeilen gemacht haben.

„Wir sind arm, weil wir andere reich machen“, sagt ein Arbeiter in „Food Chains“. Das gilt auch hierzulande. Wer Lebensmittel zu schwindelerregend niedrigen Preisen kauft, macht die einen noch ärmer und die anderen noch reicher. Saisonarbeiter aus Osteuropa schuften für einen Hungerlohn, damit der Spargel nur 3,99 Euro das Kilo kostet.

Der Mensch, nicht nur das Huhn ist einen Aufschrei wert. „The human factor“: Über den wird Eric Schlosser am 12. Februar (16.30) beim Kulinarischen Kino mit Human Rights Watch-Mitglied Michael Naumann und „Cesar Chavez“-Regisseur Diego Luna diskutieren.

„Food Chains“ wird am 10. 2. und 14. 2. beim Kulinarischen Kino gezeigt, „Chávez“ am 13. 2. sowie im Panorama. www.berlinale.de und www.foodchains.com.

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