Neukölln - der kulinarische Hotspot Berlins : Neukölln wetzt die Messer

Dieser Berliner Bezirk hatte auch kulinarisch einen miesen Ruf. Vorbei! Ein Streifzug durch feine Lokale.

Carolin Würfel
Industry Standard: Kochen an der Sonnenallee. Die Gäste sind ganz wild auf die frittierte Hühnerhaut.
Industry Standard: Kochen an der Sonnenallee. Die Gäste sind ganz wild auf die frittierte Hühnerhaut.

Samstag um elf, Mittagssonne scheint in die offene Küche. Es riecht nach gebratenem Schweinefleisch und zerlassener Butter. Auf den Tischen stehen Kisten mit frischem Gemüse: Salatköpfe, Rote Bete, Äpfel, Kartoffeln, Zwiebeln, Paprika. Die hat der Mann mit den erdigen Händen und dem sonnengegerbten Gesicht gebracht. Er kommt fast jeden Morgen mit seinem kleinen Transporter aus Brandenburg in die Sonnenallee 83.

Wir trinken Rhabarberschorle und stehen etwas nutzlos zwischen den polierten Arbeitsflächen, während die beiden Köche Ramsés Manneck (31) und Jean-Philipp Quintin (30) so ganz nebenbei, als hätten sie nie etwas anderes getan, anfangen, das Menü für den Abend vorzubereiten. Alle sehen ein bisschen müde aus, aber auch wahnsinnig glücklich. Wie frisch Verliebte. Ramsés öffnet eine kleine Plastikdose und bietet mir das, was dort schrumpelig, knusprig zwischen Küchenpapier liegt, zum Probieren an: frittierte Hühnerhaut. Die gehört zum Tartare de Boeuf, dem Liebling der Gäste, und schmeckt wie ein guter Chip. Seit Februar betreiben Ramsés aus Mexiko und seine drei Freunde das Industry Standard. Ein Feinschmecker-Restaurant mitten in Neukölln.

„Ihr seid doch verrückt! Komplett Banane!“ Diese Sätze hat man Ramsés und all jenen, die in den letzten Jahren in Neukölln Restaurants eröffnet haben, immer wieder zugerufen. Weil man den Mutigen und dem Kiez misstraute, den viele kaum zu betreten wagten, wegen seines schlechten Rufs. Aber immer mehr junge Gastronomen wie Ramsés bereichern mit ihrer Küche und unbändiger Leichtigkeit die „gefährliche“, graue Nachbarschaft.

„Fine Dining“ oder „gehobene Küche“ muss nicht mehr heißen: alberne Soßenspiegel, leere Teller und strenge Oberkellner. Auch nicht: weiße Tischdecken und Räume, in denen man sich nur flüsternd unterhalten möchte. Für die Neuköllner Gastronomen verbindet sich feines Essen mit gemeinsamem Wohlsein und dem Gefühl, angekommen zu sein. Die Küche ist frisch, schlicht, regional und saisonal. Essen also ohne Vorhang. Und trotzdem verspielt. Oft haben die Köche der Restaurants keine offizielle Ausbildung, sind Quereinsteiger und Künstler. Angetrieben von Liebe und Lebenshunger, das merkt man, und ja, das klingt auch ein bisschen kitschig.

Im Industry Standard wird ein Menü für Abenteurer und Neugierige serviert. Man isst Dinge, die man womöglich noch nie gegessen hat, wie Lammherz mit Sardinen und Wasserkresse oder Krake mit Speck-Dashi. Wie das schmeckt? Grandios, weich und knusprig, nach Erde und Meer. Auch wenn die Idee von einem Lammherz mehr schaurig-schön ist. Wie erste Dates. Das Industry Standard ist der ideale Ort für erste Male.

Ramsés Manneck, der Chefkoch dieser feinen Schweinereien, hat das Kochen von seinem Papa in Mexiko-Stadt gelernt. Er liebt lange Nächte. Das Wunschszenario für seine Gäste: Man stolpert mit vollem Bauch, berauschtem Kopf und happy morgens um halb zwei mit seinem Date aus dem Lokal.

Einer war sehr viel eher da: der Japaner „Tabibito“ auf der Karl-Marx-Straße. Am 11.11.1990 eröffnete Herr Watanuki aus der Not heraus – nach der Wiedervereinigung gab es im Westen kaum freie Gewerberäume – sein winzig kleines japanisches Restaurant. Bis heute eines der besten Sushi-Lokale Berlins.

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