Restaurant Maxwell : Kühler Hummer mit Graupensalat

Elisabeth Binder

So behäbig sind Restaurants heute eigentlich nicht mehr. Dem Maxwell merkt man auf Anhieb an, dass es ein Gewächs der 80er Jahre ist, jener Zeit, als breite Schulterpolster einhergingen mit Prassereien aus Prestigegründen, und Oberkellner es sich erlauben konnten, immer schon genau zu wissen, wie sich der Gast zu verhalten hat. Heute, da man sich schon von den eigenen Computern dauernd belehren lassen muss, wirkt das etwas nervig. Eigentlich fühle ich mich erwachsen genug, zu wissen, dass sie meinen Platz anderweitig vergeben, wenn ich zu spät komme, da müssen sie bei der Reservierung nicht dreimal nach der Telefonnummer fragen. Und, ja, ich bin durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, wie viel Wein für wen am Tisch bekömmlich ist oder auch nicht. Außerdem hasse ich öffentliche Erörterungen über die Höhe des Trinkgelds. (Zumal ich trotz allem gewillt war, mehr zu geben, als der Kellner offensichtlich erwartet hatte.)

Auf der Höhe der Zeit waren immerhin die wiederholten Entschuldigungen, dass wegen des vollen Hauses manches etwas länger dauere. Und immerhin verzichteten sie, auf unsere Bitte hin, darauf, Wasser und Wein in einer entfernten Ecke des Raumes zu parken. Dieser ist schlicht gehalten mit luxuriösen Tupfern wie frisch gestärkten weißen Stoffservietten vor langer Lederbank.

Brot, Butter, Kräuterdip. Eiskalter Cremant. Kleiner Sonderwunsch beim Cocktail anstandslos erfüllt. Den Vorspeisen folgt einer jener Gags, die auch langsam ins Museum gehören und von italienischen Wirten einst zur Sketch-Reife entwickelt wurden. Statt des Angebots, ein bisschen Pfeffer aus einem gigantischen Phallussymbol aufs Essen gestreut zu bekommen, hätte ich lieber gut gewürzte Speisen. Die Vorspeisenvariationen konnten etwas Pep freilich gut gebrauchen. Das Petersilien-Meerrettich-Mousse war so dezent gewürzt, dass ich es jederzeit als Schonkost durchgehen lassen würde, das mit schwarzer Mayonnaise in einem Tintenfisch zum Edel-Wrap gerollte Hummerstück gab sich etwas kühl auf einem kleinen Bett von gutem Graupensalat mit Curry. Rillette von der Ente mit Senf-Johannisbeerschaum schmeckte okay. Schon die Zusammenstellung zeigt, dass es hier weder herzhaft noch hochmodern zugeht, sondern eben ein bisschen nostalgisch.

Beim dreigängigen Menü (35 Euro) war der Auftakt gelungener. Es gab ein saftig frisches Doradenfilet in einem malerischen Backpapierkörbchen, dazu eine Hummersauce, der ein bisschen Schärfe auch noch gut getan hätte und Scheiben von gebratenem Spargel. Die Entenbrust auf Ingwer-Limonenjus war etwas zäh, auch der Sesam-Reistaler wirkte fast anachronistisch in seiner angedeuteten Pampigkeit. Dazu gab es aber gute Shiitake-Pilze und Zuckerschoten.

Am besten war das vegetarische Gericht. Die Sauerkrautpuffer waren intelligent gemacht und schmeckten entsprechend, vor allem durch ein Topping aus gebräuntem Sauerkraut; auch dazu gab es sehr gutes Pilzragout und hübsch gemischtes Gemüse aus Bohnen, Lauch und ein paar grünen Spargelstückchen. Das Menü endete so gut, wie es begonnen hatte, mit Buttermilch-Holundermousse und einem passenden Sorbet, ein sanfter Abschluss.

Zur Feuilletonreife gehörte natürlich die Speisekartenlyrik. Besonders originell ist es kaum, alles, was nicht in ganzen Brocken kommt, wahlweise Carpaccio oder Tatar zu nennen. Das Schafskäsetatar war dankenswerterweise so kräftig angemacht, dass es die Geschmacksnerven zum Schluss noch mal richtig wachrüttelte, was vielleicht auch an der Preiselbeerpfeffersauce gelegen haben mag. Dazu gab’s gutes Nussbrot.

Die Geschichte des 1985 in Kreuzberg gestarteten Maxwell ist Legende, vor allem durch eine Reportage der Amerikanerin Jane Kramer, die anhand dieses Lokals das Kreuzberg der Vorwendezeit erklärt hat. Seit 1995 sitzt es in der ehemaligen Josty-Brauerei in Mitte, von deren hübscher Fassade vor allem Gäste, die draußen sitzen können, etwas haben. Vielleicht fehlt nur ein kleiner Kick, so ein bisschen vom alten Wagemut, um das leicht Angeschnarchte wieder abzuschütteln.

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