Restaurantkritik : Grosz

Heilbutt auf einem Bett von Artischockenwürfeln.

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Grosz, Kurfürstendamm 193/194, Charlottenburg, Tel. 652142199, geöffnet täglich ab 8 Uhr, Küche bis 24 Uhr.
Grosz, Kurfürstendamm 193/194, Charlottenburg, Tel. 652142199, geöffnet täglich ab 8 Uhr, Küche bis 24 Uhr.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hier sitzt der berühmte Verleger, dort der bekannte Fernsehreporter, und im Entree stecken zwei vielfältig engagierte Damen der Gesellschaft die Köpfe zusammen. Der lange schlauchartige Raum mit den hohen Rundbögen brummt, so ziemlich alle Tische sind besetzt. Keine Frage, das Grosz ist gewissermaßen ein Ausrufezeichen hinter der Nachricht: Der alte Westen glänzt wieder. Definitiv!

Roland Mary setzt mit dem Café und Restaurant Grosz im Haus Cumberland einen westlichen Kontrapunkt zum Borchardt. Das mögen schlechte Nachrichten für die Paris-Bar sein, aber für all die wohlhabenden Berliner, die seit jeher und nach wie vor in Zehlendorf und im Grunewald residieren, ist hier eine interessante neue und vor allem nahe Adresse entstanden. Von den Prominenten, die künftig im neu eröffneten Waldorf-Astoria absteigen, nicht zu reden. Ein Teil von Marys Ruhm ist ja der Tatsache geschuldet, dass Filmstars aus den umliegenden Hotels die Borchardt-Schnitzelchen ihresgleichen weiterempfahlen.

Es gibt ein französisch angehauchtes Programm mit deutschen Spezialitäten für fortgeschrittene Touristen wie „Schnitzel à la Graf Holstein“ und außerdem Steaks, zum Beispiel vom spanischen Prime Beef Xata Roxa oder vom Elberind. Beilagen, Dips und Saucen gibt’s dazu im modernen Baukastensystem.

Der Service war nett und professionell, und es sind hier auch ausreichend viele Kräfte im Einsatz. Was bei der etwas ausufernden Rotweinshow dringend vonnöten ist. Dabei hatten wir nur einen einfachen Chianti Collin Senesi bestellt, einen 2011er von Strozzi, der mit 32 Euro zu den preiswertesten Tropfen auf der Karte gehört. Aber die Liebe und Sorgfalt, mit der unser Kellner mithilfe eines Probierglases erst die Wände des einen bauchigen Rotweinglases vorsichtig benetzte und dann die des anderen, wie er geschickt mit Servietten und dem Korken hantierte, brauchte Zeit. Dass ich den Wein am Ende dann doch aus dem Probierglas trank, ist eine andere Geschichte. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein charmanter Franzose an unserem Tisch und schenkte leicht zerstreut nach. Der Wein war aber sehr in Ordnung. Dass der Liter Mineralwasser mit 8,50 Euro zu Buche schlägt, hat uns weniger gefallen.

Sehr gut war die klare Tomatenessenz mit fruchtigen Würfeln, Kräutern und einer zarten Andeutung von Maultaschenscheiben, eine perfekte Leckerei für kalorienbewusste Societyladys (8 Euro). Mächtiger gab sich die kleine Bouillabaisse mit schönem Hummergeschmack, knusprigen Croûtons, einem kleinen Napf Sauce Rouille und einer exzellenten Einlage aus drei zarten, saftigen Fischfilets (12 Euro). Sehnenfrei und tadellos gebraten kam das Pfeffersteak auf den Tisch mit einer schönen Kruste aus schwarzen Pfefferkörnern und einer wirklich exzellenten Sauce Bourguignon (18 Euro). Die Bratkartoffeln aus dem Beilagenangebot schmeckten einwandfrei und hatten sogar eine leichte Anmutung von hausgemacht (4,50 Euro).

Star des Abends war der weiße Heilbutt, ein wunderbar saftiges, oben ganz sanft gebräuntes Carré auf einem Bett von Artischockenwürfeln, dazu gab es kleine Gewürztomaten und Chips vom Pata-Negra-Schinken (32 Euro). So historisch das Ambiente auch wirken mag, in der Küche ist man schmeckbar auf dem neuesten Stand der Technik. Auch die Nachtischkarte setzt auf bewährte Klassiker wie Pfirsich-Melba-Birne oder Belle Hélène. Die Birnenstücke, die ganz am Grund des hohen Glases lagen, musste man sich freilich erst erarbeiten auf dem langen Weg durch Schokoladensauce, Vanilleeis, Sahne und Crumble (8 Euro).

Ob das Niveau bei den langen Öffnungszeiten zu allen Zeiten beibehalten werden kann, bleibt abzuwarten. Roland Mary hat aus Fehlern der frühen Jahre gelernt und tritt hier mit einem Paukenschlag auf. Und es gibt sogar etwas Originelles: die frisch gepressten Säfte, die nach Gemälden des Namensgebers Georg Grosz benannt sind. Der „Dorfschullehrer“ (0,2 l = 5,80 Euro) etwa besteht aus Paprika, Sellerie und Apfel.

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