Restaurantkritik : Zum Mond

Bärlauch-Käse-Knödel auf rosa Rübchen.

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Zum Mond, Köpenicker Str. 159 Ecke Manteuffelstraße, Kreuzberg, Tel. 218 072 69, Di-Sa ab 18 Uhr.
Zum Mond, Köpenicker Str. 159 Ecke Manteuffelstraße, Kreuzberg, Tel. 218 072 69, Di-Sa ab 18 Uhr.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Überraschung in der Köpenicker Straße: Dieses Restaurant könnte zu einem erfolgreichen Rollenmodell werden. Nein, es ist nicht die Rede vom schicken Club an der Spree. Solche Lokale gibt es genug in der Stadt. An einem Abschnitt der Straße, der noch so aussieht, wie früher Kreuzberg aussah, ein bisschen grau und unerobert von Investoren und Touristenströmen, betritt man eine Art Eckkneipe. Der erste Blick bedient alle Klischees: blanke Holztische, einige mit Papierservietten und einfachem Besteck gedeckt, eine Asbach-Uralt-Leuchtreklame über dem Tresen, einfache Gastwirtschaftsstühle, viel braunes Holz. Unwillkürlich schnuppert man nach Bierdunst und Rauchgeruch, erwartet Schlagermusik und zünftige Berliner Bierkutscher. Doch wenn man eine Weile dagesessen hat, erschließt sich ein Ambiente, das auf Anhieb zwar authentisch altberlinisch wirkt, aber mit feinem Sinn für notwendiges Understatement.

Im Fenster verbreitet ein großer Lilienstrauß dezenten Duft, an der gegenüber liegenden Wand hängt noch eine alte Garderobe neben einem Kneipenschild mit Richtlinien für Jugendliche. Prosecco? Ja, klar. In diesem Fall darf es auch ein offener rheinhessischer Sekt sein. Der ist eiskalt und schäumt schön frisch (3,60 Euro). Die schick gekleidete Männerrunde neben uns unterhält sich über Politik, deutlich über Stammtischniveau. Mehr und mehr jüngere Paare bevölkern die Tische. Die Kellnerin bedient den ganzen Raum und wirkt etwas außer Atem.

Zwei der Vorgerichte, die auf der kleinen Karte stehen, sind schon aufgegessen, dafür gibt es Alternativen. Ob wir uns Vorspeisen teilen dürfen und Extrateller bekommen können? Die Kellnerin zögert keine Sekunde. „Klar, das ist kein Problem.“ Dann fügt sie noch hinzu: „Wenn Ihr Rotwein trinken wollt, ich habe noch ein paar Flaschen, die nicht auf der Karte stehen.“ Und einen Gewürztraminer hätte sie auch gerade geöffnet. Die Frage nach einem Probierschluck wurde, wen wundert’s jetzt noch, umgehend positiv beantwortet (3,60 Euro). Der Pfeddersheimer Gewürztraminer von Max Pfannebecker war ausgezeichnet.

Vor den nicht auf der Standardkarte gelisteten Vorspeisen wurde ein absolut köstlicher Wildkräutersalat serviert. Es gab zarten, hausgeräucherten Kaninchenrücken mit Rotweinschalotten und Meerrettich, außerdem sehr guten Büffelmozzarella mit kandiertem Hokkaidokürbis, Brotchips, angeschmolzenen Cherrytomaten, exakt gereiften Avocadostreifen und Salat (jeweils 8 Euro). Das alles war hübsch und dekorativ angerichtet und wurde in kleinen Portionen serviert.

Jeden Tag gibt es ein anderes vegetarisches Gericht, an diesem Abend köstliche Bärlauch-Käse-Knödel auf buntem Marktgemüse, grüner und weißer Spargel waren dabei, außerdem rosa Rübchen (13 Euro). Die Lachsforelle kam, wie uns versichert wurde, ebenfalls aus Brandenburg und war ganz exakt gegart, zart und saftig. Gebettet war sie auf einem Pot au Feu von jungem Gemüse, Morcheln und Flusskrebsrahm, in dem sich einige echte, frische Flusskrebse befanden (19,50 Euro).

Die Desserts teilten wir wiederum. Mit den Extratellern servierte die nette Kellnerin den Satz: „Mir gefällt Ihr Stil.“ Von der Standardkarte probierten wir das warme Schokoladenküchlein mit weißer Schokoladencreme, ein Klassiker, an dem es nichts zu beanstanden gab. Sehr gut gefiel uns auch das Dessert des Tages, ein etwas schwierig zu zerteilender Riegel Joghurt-Waldmeister-Parfait mit Mango, Erdbeere, Baiser-Bröckchen und einer scharfen Erdbeer-Paprika-Marmelade, die auch das Schokotörtchen erfolgreich befeuerte (jeweils 7 Euro).

Zum Abschluss gab’s noch eine Einladung auf einen Espresso. Als die mit Blick auf die späte Stunde dankend abgelehnt wurde, bekamen wir stattdessen Trester serviert.

„Schön, dass Ihr da wart“, rief die Kellnerin hinter uns her. Da war es wieder, das familiäre Eckkneipengefühl, aber mit unbeschwertem Bauch. Damit harmonierte angesichts manch glitzernder neuer Fassade der beruhigende Eindruck: Berlin bleibt doch Berlin.

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