Restauranttest : Wohin, wenn man den Urlaub ausklingen lassen möchte?

Draußen sitzen, wenn es das Wetter erlaubt, und möglichst am Wasser und in einem entspannten Ambiente. Da lohnt sich ein Besuch bei Berlins ältestem Restaurantschiff Iskele.

Elisabeth Binder

Das Iskele wurde 1904 gebaut, ankert am Planufer und bietet heute vor allem ägäische Fischspezialitäten. Es hat genau jenen rustikalen Charme, dem man im Urlaub leicht erliegt, ist aber nicht unkomfortabel. Die von den Vorgängern übrig gebliebenen Krümel werden auf unsere Bitte hin rasch weggewischt. Die Holzbänke sind sogar ganz bequem, weil man sich anlehnen kann und bunte Webteppiche eine Unterlage bieten. Mehrfache Hinweise, dass die Wartezeiten etwas länger dauern könnten, weil alle Fische in der einen kleinen Schiffsküche frisch zubereitet werden, hatten unsere Erwartungshaltung so weit gesenkt, dass wir am Ende angenehm überrascht waren von den durchaus akzeptablen Pausen zwischen den Gängen.

Der in türkischen Restaurants verbreitete reservierte Umgang mit guten Getränken ist hier nicht zu spüren. Wie bei den Speisen muss man bei den Weinen zwar damit rechnen, dass manches „aus“ ist, an unserem Abend galt das leider für die griechischen und türkischen Roséweine. Vorhanden war immerhin der Retzina Kechibari in einer hübschen kugeligen halben Flasche (0,5 l für 11,50 Euro), dessen zartharziger trockener Geschmack einem warmen Abend mit Anstand Paroli bietet oder auch der über die Jahre veredelte Villa Doluca Antik (Flasche 24,50 Euro), dessen leichte Spritzigkeit einen angenehmen Anklang von Urlaub hat.

Dass die Speisen in der Karte mit Fotos abgebildet werden, erinnert ein bisschen an Touristenrestaurants in Mittelmeerregionen. Es gibt eine ziemlich große Auswahl an Vorspeisen, mit denen allein man den Abend schon gut zubringen könnte.

Wir entschieden uns für die hausgemachten marinierten Sardellenfilets, die in der Karte als „Muss“ aufgeführt und tatsächlich sehr in Ordnung waren, silbrig glänzend mit einem sanften säuerlichen Geschmack auf einem Salatbett angerichtet (5,50 Euro). Die ägäische Fischsuppe, in einer hübschen weißen Terrine serviert, war weniger überzeugend. Zu lange gekocht vielleicht, die Einzelteile waren, von ein paar Krabben abgesehen, auch optisch nicht gerade vorteilhaft sehr zerbröckelt. (5,90 Euro).

Nach Einbruch der Dunkelheit werden draußen die bunten und innen die blauen Lampionketten angemacht. So eine Kreuzberger Abenddämmerung am Wasser kann richtig romantisch sein.

Der schnörkellose Umgang mit den Fischen trägt bei den Hauptgängen zum Urlaubsgefühl bei. Die Schärfe stellen sie individuell ein „von pikant bis Fegefeuer“. Eher Richtung Fegefeuer wünschen wir uns den mit Tomaten, Zwiebeln, Paprika, Chili, Knoblauch, Sellerie, Kräutern und Champignons im Ofen geschmorten Schwertfisch. Er kommt gefährlich brutzelnd in einer feuerfesten Form und schmeckt so, wie solche Gerichte in einfachen Strandrestaurants schmecken, frische Zutaten, schön kräftig, brennt allerdings doch nicht ganz so scharf auf der Zunge, dass wir uns schon halb im Fegefeuer wähnen (19,80 Euro). Die Dorade vom Grill gibt es in zwei Größen. Auch der kleineren (350 Gramm für 14,90 Euro) geht ein großer Salatteller voran mit Chicoree, Tomaten und Möhren. Die Dorade wird im Ganzen serviert, aber die freundliche Kellnerin bot an, sie zu filetieren und gab hinterher noch Tipps, wo sich Gräten verstecken könnten. So ein warmherziger, mitfühlender Service ist leider nicht allzu verbreitet.

Die mit Nüssen gefüllten Feigen waren wieder „aus“, es wurde uns aber ausführlich erklärt, warum. Der dunkle Grießkuchen mit Zimt und Pinienkernen schloss das mediterrane Menü plausibel ab, weil nicht zu süß und mit Früchten wie Himbeeren und Kapstachelbeeren gut in Szene gesetzt. Berlins Tor zur Ägäis zu sein, das ist der eigene Anspruch der Iskele-Betreiber. Ein gutes Auffangbecken für Rückkehrer mit nicht zu luxuriösen Ansprüchen ist es auf jeden Fall. Und im Winter kann man mit bis zu 90 Personen auch im Rahmen von privaten Feiern das Heimweh nach dem Mittelmeer im Schiffsbauch zelebrieren.

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