ROOIBOS : Strauch Ein für alle Fälle

Die Rooibos-Pflanze kann alles: Shampoo, Medizin – und vor allem Tee. Und als Getränk ist sie inzwischen weltweit erfolgreich. Dabei wächst das Kraut nur in Südafrika. Ein Besuch der Cederberge.

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Wer dorthin gehen will, wo der Rooibos wächst, muss bis ans Ende der Welt. Der Weg führt über Schotterpisten und eine halsbrecherische Passstraße namens „Hoek se Berg“, auf der mehr Eselskarren als Geländewagen unterwegs sind, dann weiter geradeaus Richtung Wupperthal, der alten Station deutscher Missionare. Von einer Anhöhe überblickt man die Rooibos-Felder: Die langen, schmalen Linien ziehen sich bis zur nächsten Gesteinsformation. Dazwischen grasen Schafe.

Rooibos ist ein endemisches Gewächs, es braucht die Bedingungen der südafrikanischen Cederberge, eines rund 100 Kilometer langen Gebirgszuges in der Kapregion, um zu gedeihen. Lange, heiße Sommer und viel Regen im Winter, so liebt er es. Der Boden sollte außerdem schön sandig und karg sein, perfekt ist ein Plateau in der Höhe von 200 bis 600 Metern.

Alle Versuche, Aspalathus linearis woanders zu kultivieren, sind bisher gescheitert. Ein Umstand, für den die Rooibos-Bauern dankbar sind – garantiert er ihnen doch ein Monopol von Gottes Gnaden. Vergangenes Jahr wurden 12 000 Tonnen Rooibos produziert, fast 5 000 davon blieben in Südafrika, der Rest ging ins Ausland. Deutschland ist einer der größten Importeure.

Farblich irgendwo zwischen Hagebutte und „Mariacron“, geschmacklich zwischen süßer Frucht und Torf, nach dem Schlucken etwas trocken im Rachen – zurück bleibt ein unspektakuläres Gefühl. Man muss mit dem Rooibos-Tee erst warm werden. Doch ein Gewohnheitstrinker wird die sanfte Rustikalität des Aufgusses bald bei anderen Tees vermissen.

Will man etwas über Rooibos (Aussprache ganz einfach „-boss“ statt „-bosch“ oder „-busch“) in Erfahrung bringen, bekommt man es mit einer PR-Lawine zu tun, die ihresgleichen sucht. Verständlich, denn für Rooibos Werbung zu machen, muss ein einziges Zuckerschlecken sein: Es gibt offenbar nichts, was gegen ihn spricht. Nebenwirkungen: keine, Gerbstoffe: keine; die Südafrikaner verabreichen den Aufguss bereits Neugeborenen gegen Dreimonatskoliken.

Der Tee helfe gegen Magengrummeln, Durchfall, Kopfschmerzen und nervöse Unruhe, ja, sogar Depressionen, jubelt das „Rooibos Council“, das auch als Geldgeber diverser Studien in Erscheinung tritt. Weil er besonders reich an Antioxidantien sei, beuge er gar Krebserkrankungen und Alzheimer vor, äußerlich aufgetragen lindere er Hautausschläge aller Art. Als Bestandteil von Shampoos verschaffe er dem Haar Glanz und Kämmbarkeit, als Marinade dem Grillfleisch eine ungeahnte Geschmacksnote, mit Rosé vermischt „bringt er eine Prise Romantik in jedes Candlelight-Dinner“ und als Eistee mit einem Schuss Limette erfrische er an heißen Sommertagen wie diesen.

Angeblich gibt es nichts, was die Zugabe von Rooibos nicht zumindest ein bisschen verbessert – und so wird er weltweit als Musterknabe im Tee-Regal vermarktet. Gesund, günstig und bio, das ist eine Mischung, die derzeit dem Bedürfnis vieler Großstadtmenschen zu entsprechen scheint. Wie praktisch, wenn man nicht nur den Durst löschen, sondern mit „Function Food“ gleichzeitig etwas für den Zellschutz tun kann. „Rooibos-Tee ist der neue Granatapfelsaft“, konstatiert etwa das New Yorker Lifestyle-Portal slate.com.

Und während in Südafrika die Rooibos-Tee-Verpackung eher funktional ist, tun die deutschen Tee-Fabrikanten alles, um die richtige „Jenseits von Afrika“-Stimmung zu beschwören: Einsame Akazien vor glühendem Sonnenuntergang, melancholisches Großwild beschwört den Konsumenten im Supermarktregal. Ein Importeur nennt ihn sogar „Massai-Tee“, dabei haben die Massai mit den Cederbergen ungefähr so wenig zu tun wie die Ostfriesen mit der Sahara. Die Verwechslung ist ein Relikt aus Zeiten der Apartheid: Das rassistische Regime Südafrikas boykottierende Teetrinker aus dem Ausland sollten ganz bewusst in die Irre geführt werden.

Der Rotbusch, so die Übersetzung aus dem Afrikaans, wird seit den 30er-Jahren gezielt kultiviert. Davor wuchs das an Ginster erinnernde Gebüsch wild – und diente den San, den Ureinwohner des südlichen Afrikas, als Multifunktionswaffe. So notierte der Schwede Carl Thunberg 1772 in seinem Reisetagebuch „Travels in Europe, Africa and Asia“ erstmals die Nutzung des Rotbuschs als Tee. 1904 reiste dann der russische Geschäftsmann Benjamin Ginsberg in die Cederberge und entdeckte das Potenzial des Krauts. Ginsberg verkaufte den Rooibos-Tee bald darauf in Kapstadt – das „Arme-Leute-Getränk“ schmeckte vor allem denjenigen, die sich den Schwarztee aus Ceylon nicht leisten konnten.

Bald schon konnte der Bedarf nicht mehr durch die wilden Pflückungen gedeckt werden. Ein Freizeit-Botaniker aus Clanwillian, ein Städtchen, das heute das Zentrum der Rooibos-Wirtschaft ist, entwickelte später durch Kreuzungen eine Kulturpflanze, die sich auf Feldern anbauen ließ.

Anderthalb Jahre nach der Saat ist die erste Ernte im Spätsommer möglich. Die dürren, grünen Zweiglein werden teils noch mit Sicheln von Hand geerntet, zerhackt, platt gewalzt und mit Wasser besprüht – mit der Gärung entsteht erst die typische rote Farbe. Zur Weiterverarbeitung wird der getrocknete Rooibos gesiebt und dampfsterilisiert.

Die Qualität des Tees kann man übrigens ganz einfach prüfen. Je mehr Aststückchen in der Mischung sind, desto schlechter, je mehr Nadelstückchen, desto besser.

Von den Eselskarren und dem Staub der Cederberge sind es etwa drei Autostunden bis ins Herz des trendbewussten Kapstadt, das soeben zur Weltdesignmetropole 2014 erklärt wurde. Dort gibt es Rooibos-Produkte buchstäblich an jeder Ecke. Die Eistee-Firma „BOS“, die das Getränk in bunten Dosen und verschiedenen Geschmacksnuancen anbietet, hat am viel besuchten Wembley-Square zuletzt einen Automaten aufgestellt, der kostenlose Dosen gegen Twitter-Nachrichten ausspuckt: Smartphone-Besitzer sollen sich nun im Umkreis des Automaten einloggen und ein spezielles Hashtag verwenden.

Das ist nur ein Versuch von vielen, den jungen Kapstädtern ihr Traditionsgewächs wieder schmackhaft zu machen. Jetzt sollen sogar die Kaffeetrinker konvertiert werden: Die Firma „Red Espresso“ bietet so fein gemahlenen Rooibos, dass man ihn in der Espressomaschine brühen und zum „Latte Macchiato“ weiterverarbeiten kann. Und so bekommt man in den vielen Kapstädter Coffeeshops und Kaffeerösterei inzwischen auch Rooibos-Espresso als koffeinfreie Alternative.

Wer prüfen will, ob das Kraut wirklich hält, was es verspricht, den bleibt letztlich nur eines übrig: der Selbstversuch. Überflüssig zu betonen, dass man so viele Tassen davon trinken kann, wie man will. Schaden, so viel steht fest. kann’s nicht.

Aspalathus linearis wird teils noch per

Sichel geerntet und von Hand zerkleinert. Vergangenes Jahr wurden 12 000 Tonnen Rooibos produziert, den Großteil verschifften die Südafrikaner in alle Welt. Auch hierzulande schätzt man den Tee, der erst durch Fermentierung seine typische Farbe erhält, wegen seiner magenfreundlichen und nervenstärkenden Eigenschaften.

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