Serie : Am Krisen- Herd

Hummus, Kebab und Couscous: Israelis und Palästinenser schätzen das gleiche Essen. Eine erfolgreiche TV-Soap macht diese Nähe zum Thema.

Sarah Schelp

Die Frauen kochen zusammen, als wäre ihre Welt noch heil. Sie rühren im Hummus, füllen Weinblätter und naschen aus den Töpfen der anderen. So fröhlich wirken sie, so unbekümmert. Als wäre der Konflikt vor der Küchentür nur ein böser Traum.

„Ist Frieden das Salz und Krieg der Zucker?“, fragt da unvermittelt die Palästinenserin Siham, deren Bruder von israelische Soldaten erschossen wurde.

„Ohne Salz kann man nicht leben, also muss Krieg der Zucker sein“, antwortet Robi, die Israelin, deren Sohn von einem palästinensischen Heckenschützen getötet wurde.

Siham umklammert den Salzstreuer in ihrer Hand. Es ist still geworden in der Küche. Bis eben haben die Frauen zusammen gekocht. Jetzt weinen sie miteinander um das, was fehlt in ihrer Welt.

So beginnt der Dokumentarfilm „Behind the Intentions“, der am 22. August in Tel Aviv Premiere hat. Er ist das Making-Of der israelischen Fernsehserie „Good Intentions“. Die erste Staffel ist gerade auf Israels Channel Two gelaufen: ein zehnteiliges Drama über den Nahostkonflikt, auf Arabisch und Hebräisch, ausgestrahlt zur Hauptsendezeit – „Good Intentions“ ist damit revolutionär für das sonst eher seichte israelische Vorabend-Programm. Die Idee dafür geht zurück auf eine Friedensinitiative – ein Fernsehdrama als Image-Kampagne für friedliche Koexistenz.

Die Serie handelt von zwei Köchinnen, einer palästinensischen und einer israelischen. Bei einer Fernseh-Kochsendung lernen sie sich kennen und werden Freundinnen. Ein zunächst unrealistisch wirkendes Szenario im Nahen Osten, wo es kaum Freundschaften zwischen Israelis und Palästinensern gibt – zu verhärtet sind die Fronten. Tatsächlich aber hat sich Drehbuchautorin Ronit Weiss-Berkowitz an der Wirklichkeit orientiert: „Kochshows sind in Israel mindestens so beliebt wie in Deutschland. 1999 sollte es deshalb eine echte Kochsendung mit Palästinensern und Israelis geben“, erzählt sie. „Dann brach die zweite Intifada aus, und das Projekt war gestorben.“ Fast ein Jahrzehnt später wurde es nun doch noch realisiert – wenngleich nur fiktiv, als Serie in der Serie.

Da sind Amal, eine Palästinenserin aus Ramallah, und Tami, eine Israelin aus Tel Aviv. Für die gemeinsame Kochsendung werden sie von ihren Angehörigen scharf angegriffen: Schließlich steht „der Feind“ mit am Herd. Da kommen Hass, Verbitterung und Trauer auf – in beiden Familien sind Menschen im Nahostkonflikt gestorben oder verstümmelt worden.

Trotzdem machen Tami und Amal bei der Sendung mit und entdecken, was sie verbindet: die Liebe zu gutem Essen. Begeistert tauschen sie sich über ihre Leibspeisen aus und schwärmen von Kubbe, Couscous, Kardamom. Langsam wächst die Zuneigung zwischen ihnen, als wäre ihre Küche ein neutraler Boden im zerrissenen Land, eine Enklave des Friedens zwischen Töpfen, Pfannen und Falafel-Gewürz. Sie bewegen sich dabei auf einem Terrain von rarer Übereinstimmung in der entzweiten Region: Israelis und Palästinenser diesseits und jenseits der umstrittenen Mauer stippen ihr Pita-Brot am liebsten in den Kichererbsenbrei Hummus oder das Sesammus Tehina und mögen lokale Spezialitäten wie Kebab. Auch wenn sich beide Seiten oft genug ans Leben wollen – auf ihren Tellern findet sich dasselbe. Über Geschmack kann man nicht streiten. „Beim Kochen versteht man sich ohne Worte, egal, woher man kommt“, sagt Drehbuchautorin Weiss-Berkowitz. Auch die beiden Fernsehköchinnen lehren einander vor allem Interpretationen traditioneller Rezepte. So kocht Amal für Tami eine Variante der gefüllten Paprika, raffiniert mit Zimt verfeinert.

Rund 500 000 Israelis, sagt Produzent Chaim Sharir, hätten sich die Serie angesehen. „Leider wissen wir nicht, wie viele Araber darunter waren. Bei unserer Vorführung in Ramallah war die Reaktion überwältigend: Das Publikum hat geweint.“ Palästinensische Sender haben die Serie nicht ausgestrahlt. „Dafür ist das Thema dort zu brisant“, sagt Sharir. „Gerade verhandeln wir mit dem Fernsehsender Al Dschasira. Wir möchten möglichst viele Araber erreichen, um zu zeigen, dass auch Israelis Frieden wollen.“

Die Anfänge der Serie „Good Intentions“ als Friedensinitiative zeigt das Making-Of von Filmemacherin Ayelet Bargur. „Behind the Intentions“ ist zugleich das Porträt des „Parents Circle – Families’ Forum“, einer israelisch-palästinensischen Friedensorganisation. Ihr gehören rund 500 trauernde Familien an, darunter die Palästinenserin Siham und die Israelin Robi. Ihre Ehepartner, Kinder, Eltern starben im Nahostkonflikt. Und gerade deshalb setzen sie sich für ein Ende des Blutvergießens ein. „Ich habe zwar meinen Vater verloren“, sagt ein Palästinenser in Bargurs Film dazu, „aber nicht meinen Kopf.“

„Good Intentions“ ist ein Experiment des „Parents Circle“: eine Fernsehserie als Plädoyer für den Frieden. „Wir wollten die Menschen unmittelbarer erreichen, als man es mit Plakaten kann“, sagt Robi. „Wir wollten anschaulich zeigen: Seht, wir essen ähnliche Gerichte und haben ähnliche Probleme – wir sind alle nur Menschen.“ Denn auch wenn die Küche beider Völker vieles gemeinsam habe, gäbe es noch genug von einander zu lernen, nicht nur für die Serienfiguren.

„Bei unseren Kochnachmittagen schmeckt das Essen der Palästinenser immer viel besser“, sagt die Israelin Robi. „Weil sie mit mehr Liebe kochen als wir.“ Sie wisse nun endlich, wie man ein köstliches Maklube zubereite, ein palästinensisches Gericht aus Lammfleisch und Reis. Dass Essen sogar politische Differenzen überwinden kann, glaubt Filmemacherin Ayelet Bargur: „Wenn unsere Politiker zusammen in der Küche stehen würden, hätten wir längst Frieden“, sagt sie und lacht.

Wer kocht und isst wie man selbst, wird vom gesichtslosen Besatzer oder schemenhaften Terroristen unversehens zum Menschen. Das beweisen in der TV-Serie die Köchinnen Amal und Tami, und das macht ihren Familien Angst: Der Feind – ein Individuum, gar eines mit guten Absichten? Eine Frage, die auch die Konfrontation mit sich selbst bedeutet, mit den eigenen Dämonen und Lebenslügen.

So ergeht es Amals Bruder Ibrahim, den der Schuss eines israelischen Soldaten an den Rollstuhl fesselte und dem nun ausgerechnet ein israelischer Chirurg eine lebensrettende Operation anbietet. So ergeht es Tamis Ehemann, der erkennen muss, dass er als Soldat großes Unrecht an palästinensischen Zivilisten begangen hat.

Und so mag es anfangs im wirklichen Leben wohl auch Robi, Siham und den anderen trauernden palästinensischen und israelischen Frauen ergangen sein, als sie sich erstmals zusammen in die Küche stellten. Sie kochten gemeinsam, aßen gemeinsam, sprachen zusammen, wurden Freundinnen. „Du kannst niemanden hassen oder töten, der an deinem Tisch sitzt und mit dir das Brot bricht“, sagt Robi.

Das gilt auch für die Köchinnen Amal und Tami, selbst wenn ihre Freundschaft das Drama nicht abwenden kann: Ibrahim bekommt eine Infektion und stirbt am Checkpoint, weil die Soldaten den Krankenwagen nicht nach Israel weiterfahren lassen. Seine Verlobte nimmt daraufhin ein Küchenmesser, schlägt sich durch bis nach Israel und sticht den erstbesten Soldaten nieder: Tamis Sohn. Er wird so schwer verletzt, dass eine Querschnittslähmung droht. Tami weiß nichts über die Herkunft der Messerstecherin, und Amal klärt sie nicht auf. Aber sie nimmt den demütigenden Weg durch die Checkpoints von Ramallah auf sich, um ihrer Freundin am Bett des Sohnes beizustehen. So halten sich Tami und Amal zum Schluss an den Händen und weinen miteinander. Eine Szene als Vorschlag für viele echte Leben: Wenn auch ihre Welt nicht mehr heil ist – den Kopf haben die beiden Frauen nicht verloren.

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