• STAFETTEN VAMPIRE LAKRITZBAHNEN ZUCKERHÜGEL GOLDBÄREN UND GUMMIOBST Eine Ich will immer nur das FRÖSCHE SCHOKOLADENKONFEKT HIMBEEREN LAKRITZKONFEKT

Essen & Trinken : STAFETTEN VAMPIRE LAKRITZBAHNEN ZUCKERHÜGEL GOLDBÄREN UND GUMMIOBST Eine Ich will immer nur das FRÖSCHE SCHOKOLADENKONFEKT HIMBEEREN LAKRITZKONFEKT

Diese Tüte ist wie eine Schulklasse: Da gibt es welche, die voll süß sind, mit anderen will keiner was zu tun haben. Wer sind die Superstars, wer die Ekelpakete? Neun Gourmets bekennen sich.

Es war ein Ort der Lüste, der Düfte, ein Ort wohliger Wärme. Schon in der Nacht wurde Teig angesetzt,

Schokolade geschmolzen, Glasur gerührt, wurden Öfen befeuert und Mehlsäcke geschleppt. Dann warfen flinke Hände Teigschnüre zu Brezeln, drehten sie durch Lauge, schossen sie auf langstieligen Hölzern in die glühende Hitze. Brotlaibe lagen auf Brettern, Hefe warf in Bottichen Blasen. Was die Bäcker herstellten, verkaufte Großmutter zweimal die Woche vorne im Laden. Den Enkel nahm sie mit. Der steckte Finger in Cremes und flüssige Kuvertüre, naschte, schleckte. Nestlé & Co hatten das Universum der Süßigkeiten noch nicht erobert. Auf dem Verkaufstresen standen drei große Gläser, darin Himbeerbonbons, Brausestäbe – und umzuckerte Lakritzestangen. Das können keine Stafetten gewesen sein, die gibt es erst seit 1967. Doch jeder Biss in eine Stafette bringt heute Großmutter und Kindheit zurück. Norbert Thomma

Zuckerbrocken und Pickelbeeren, Glibberfrösche und diese fiese Bröselmasse – zum Gruseln. Wenn schon Horror-Rado, dann bitte echter Geschmacksnervenkitzel! Also: Vampire. Gießlakritz und Gießfruchtgummi in Fledermausform, inklusive appetitlich geäderter Flügel. Die Vampire sind Kennerteile, seit mehr als einem Jahrzehnt auch selbstständig erfolgreich, in der Color-Rado-

Mischung sind sie erst seit einem Relaunch 2011 vertreten. Zähne ausfahren, los geht die geschmackliche Geisterbahnfahrt: Erst das quietschige Aroma der Gummimasse, ledrig im Anbiss, aber nach einigem Knabbern schnell zart und fügsam. Und dann ... Kreisch! Das Andere, das Dunkle, das Lakritz. Der Speichel fließt, der Geist gerät in Taumel – der herzhafte Vampirkörper setzt einen aufregenden Kontrapunkt zu den süßen Flügeln. Wer einmal gekostet hat, hört nicht wieder auf, bis(s)

die Tüte leer ist. Jan Oberländer

Haribo sagt, dass Kinder keinen salzigen Lakritz mögen. Haribo sagt auch, dass besonders Seefahrerländer auf salzigen Lakritz stehen und Menschen, die am Meer leben und deswegen den salzigen Geschmack lieben. Haribo sagt, dass Haribo deswegen in Deutschland kein Starklakritz, das ist Lakritz mit acht Prozent Salmiaksalz, vertreibt. Einzige Ausnahme: Piratos. Sagt Haribo. Ich sage: Haribo hat keine Ahnung. Ich war noch nie in meinem Leben Seefahrer, auch nicht als Kind, als ich anfing, Starklakritz zu lieben. Am liebsten die aus Holland, DZ, doppelt gesalzen, stark, scharf, schwarz. Das ist Lakritz! Das Zeug in Color-Rado ist schwarz. Mehr nicht. Die Haribo-Lakritzchen werden als Kochlakritz hergestellt, dann zu Bahnen gepresst, die mehrere hundert Meter lang sind. Danach werden sie gekühlt und geschnitten. Mehr passiert nicht. Auch nicht, wenn man sie im Mund hat. Helmut Schümann

Was ist schon von Dingen zu halten, die keinen Namen haben? Eben. Nichts. Das hügelförmige Zuckerding, für das sich nicht mal Haribo selbst um einen Namen bemüht hat, ist ein Produkt, das niemand liebt, das vielleicht aus Versehen entstand, als irgendeines unbeachteten Tages mehrere Süßigkeitenherstellungskanister in die Luft geflogen sind und schnell zu irgendwelchen Haufen zusammengekehrt werden mussten, weil der Herr Direktor gleich zum Fabrikbesuch kommt und herumfliegende Süßigkeitenbestandteile nicht ausstehen kann. In solch einer Hektik müssen diese Hügel entstanden sein, deren äußere Hülle nach nichts schmeckt, und das damit umhüllte weiße Innere erst süß, dann auch nach nichts und dann im Abgang plötzlich entsetzlich sockenmuffig. Es ist ein Antiprodukt und wahrscheinlich nur in der Tüte, damit etwas übrig bleibt und daran gemahnt, dass keine neue Tüte mehr da ist. Ariane Bemmer

Typisch, wir bleiben wieder bis zum Schluss liegen. Keiner liebt uns wie Lakritzkonfekt, keiner hasst uns wie Zuckerhügel. Wir sind weiße Ananas, gelbe Zitronen, orange Apfelsinen, 90 Jahre alte Goldbären, große grüne Tanzbären und trotzdem alles andere als Exoten. Wir schmecken fruchtig, wir sind mit rein natürlichen Stoffen gefärbt und trotzdem eine graue Masse. Einst totes Tier, genauer Schweineschwarte, jetzt Fruchtgummi. Ein internationales Auffüllgut, bestimmt für Lakritzverächterländer wie Spanien. Die anderen sind besonders, ja, radikal, wir nicht. Wir harmonisieren die Extreme, fügen uns weich und nachgiebig ein, sind der kleinste gemeinsame Nenner. Die, die alle irgendwie mögen. Die, die keine Leidenschaften wecken. Die, die alle anderen gelten lassen. Die, die niemals anecken. Wir sind die Mittelmäßigen, wir sind die Normalen, jawohl, wir sind Ihr! Gunda Bartels

Ach, wenn die Tüte doch voller Frösche wäre. Nichts als Frösche. Sie sind die wahren Color-Rado-Könige. Froschkönige. Das liegt keineswegs an der Form, dem Froschmäßigen also. Es ist vielmehr die einzigartige Kombination: obendrauf der Fruchtgummi, wahlweise in den Farben grün, pink, gelb. Und darunter eine Schicht aus weißem Schaumzucker, als Unterlage sozusagen, weshalb ich die Frösche „die Unterlegten“ nenne. Und diese beiden Teile – ein echter Zwei-Komponenten-Kleber – ergeben ein Zusammenspiel, wie es gaumenschmeichelnder nicht sein kann: Die Zuckerschicht verschmilzt mit dem Gummi auf der Zunge zu so betörender Schleimigkeit und strotzender Süße – eine Hochzeit im Munde. Nur eines ist noch grandioser als der Frosch: das – ebenfalls unterlegte – Krokodil. Es übertrifft den Frosch an Zartheit ungemein. Aber das kommt leider nicht in die ColorRado-Tüte. Wolfgang Prosinger

Carla M. lebte ein böses Leben. In einem vergilbten

Bretterverschlag am Nord-Ostsee-Kanal war sie in den achtziger Jahren die Herrin über Jägermeister, Ernte 23 und Haribo. Ihr Kioskmonopol auf dem Dorf nutzte sie schamlos aus und verkaufte die Einzelkomponenten

einer 200-Gramm-Packung als Stückware. „Gemischte Tüte“ interpretierte Carla stets zu ihren Gunsten: Über den Inhalt entschied sie. Wenn man fragte, welche

braunen Dinger sie da in die Tüte schaufelt, antwortete sie: „Negerbrocken, total lecker.“ An sich richtig, hier

gelogen. Carla war Raucherin, ihre gemischte Tüte schmeckte genau so. Heute ist sie über 80, ihre Haut ledrig wie ein Schokoladenkonfekt. Wer jetzt gemischte Tüte bestellt, hat in geringem Umfang Mitspracherecht. Das Alter hat Carla weich gemacht. Seit der

Jägermeister vollends von ihr Besitz ergriff, schmeckt gemischte Tüte dezent nach Likör.Tiemo Rink

Color-Rado ist eine Zufallsmischung. Große Schaufeln werfen die für die Tüte bestimmten Teile zusammen. Man kann richtig Glück und richtig Pech haben im Supermarkt. Glück ist, wenn die Himbeere fehlt. Pech, wenn man mehr als drei erwischt. Berries, sagt man bei Haribo dazu. Ist aber völlig egal, fast jeder Name wäre ein Euphemismus. Ich nenn’ die Dinger Warzen. Sie erinnern mich an die Warze, die mein allererster Freund auf seinem rechten Ohr hatte. Exakt gleiche Farbe, etwas kleiner als die Himbeeren zwar, aber inklusive der charakteristischen Knubbel. Das Problem ist, dass die Warze in der Color-Rado-Tüte auch noch streut. Ihre Knubbel kleben an den guten Teilen, an den Vampiren zum Beispiel. Ich habe die Warze meines Freundes nie gekostet, aber ich bin mir sicher, auch sie wäre viel zu süß, außen viel zu hart und – gesetzt den Fall, man schafft es bis dahin – innen viel zu schleimig gewesen. Julia Prosinger

Im Philosophieunterricht ließ unser Lehrer uns einmal über die alte Scheinfrage nachdenken, ob eine Melone auch dann innen rot ist, wenn niemand sie aufschneidet. Man kann physikalisch antworten (nicht rot, Farben entstehen durch Lichtreflexion), phänomenologisch (nicht rot, unbeobachtete Melonen sind farblos), linguistisch (nicht rot, solange niemand „rot“ sagt) oder mit dem gesunden Menschenverstand (rot!). Was das mit ColorRado zu tun hat? Farblich nichts, denn die namenlosen Lakritz-Dingsbums-Dinger (vergl. zur Problematik ihrer Benennung auch L. Wittgenstein: „Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“), die ich favorisiere, gibt es in gelb, weiß, orange und rosa. Sie schmecken alle gleich, nämlich ganz okay, ich esse sie nur, weil ich den Rest der Tüte wirklich überhaupt nicht mag. Genau deshalb aber frage ich mich: Würde mir das auch schmecken, wenn niemand die Tüte aufrisse? Jens Mühling

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben