Essen & Trinken : Tee-Cafés Die

In Asien bekommt man das Getränk mit den gummiartigen Perlen schon lange an jeder Ecke. Nun ist der „Bubble Tea“ bei uns zur Erfrischung dieses Sommers geworden

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Das erste Mal: Zwei israelische Touristen testen Bubble Tea. Fotos: David von Becker
Das erste Mal: Zwei israelische Touristen testen Bubble Tea. Fotos: David von Becker

Es war ein echter Kulturschock, an den sich Yin Ye noch gut erinnern kann. Als die damals Siebenjährige 1986 ihr Heimatdorf im Südosten Chinas verließ, um mit der Familie nach Österreich zu gehen, lernte sie im Flugzeug ein neues, seltsames Getränk kennen, zuckrig-süß und kohlensäurehaltig. „Es hieß Cola“, sagt Ye und lacht. „Wir hatten keine Ahnung, was das ist.“

Wenn man heute mit der mittlerweile 32-jährigen Ye in ihrem Laden gegenüber vom S-Bahnhof Hackescher Markt sitzt, kann man alle paar Minuten Zeuge einer ganz ähnlichen Situation werden. Leute bleiben vor den großen Fenstern der „Bubble’s Tea Bar“ stehen, schauen interessiert hinein, treten zögernd an den weißen Tresen, werfen irritierte Blicke auf die Angebotskarte an der Wand – und bitten die Bedienung dann um eine Empfehlung.

Es ist ein Kulturschock unter umgekehrten Vorzeichen. Denn Ye bietet in ihrem im Januar eröffneten Café ein Getränk an, das in Asien jedes Kind kennt, in Europa aber immer noch ein Geheimtipp ist: Perlentee oder „Bubble Tea“, der aus Taiwan stammt. Dort gibt es das Mixgetränk an jeder Straßenecke. Cafés, die darauf spezialisiert sind, findet man noch häufiger als hierzulande Starbucks-Filialen. Erfunden wurde Bubble Tea Anfang der 80er Jahre. Von wem, darüber streiten zwei Familien bis heute. Zumal das Getränk bald auch in Festland-China, Korea, Japan und Südostasien zum großen Erfolg wurde. „Asiaten sind ja generell eher Teetrinker. Als Kind wusste ich nicht, was Kaffee ist. Aber Bubble Tea habe ich geliebt – und später in Wien vermisst“, erzählt Yin Ye.

Der klassische Bubble Tea besteht aus leicht gesüßtem Schwarztee und Milch. Das Besondere sind die beigefügten gummiartigen und beinah geschmacksneutralen Kügelchen. Diese „Tapioka-Perlen“ werden traditionell für Desserts verwendet und bestehen aus der Stärke der Maniok-Wurzel. Damit sie die richtige Konsistenz gewinnen, müssen sie rund eine halbe Stunde gekocht und dann abgeschreckt werden. Typischerweise haben sie eine dunkle Farbe.

Beim Teetrinken saugt man die Perlen durch einen extra dicken Strohhalm ein und zerkaut sie. „Das verlängert den Genuss, das Aroma von Tee und Milch kann sich umso mehr entfalten“, erklärt Ye. Serviert wird der Perlentee im Glas oder im durchsichtigen Plastikbecher; im Winter trinkt man ihn warm, jetzt im Sommer ist er – um ganze Eiswürfel oder crushed ice ergänzt und gut durchgemixt – eine angenehme Erfrischung und zugleich fast ein leichter Snack.

Neben der klassischen Version gibt es inzwischen dutzende weitere Bubble-TeaVarianten, die auf unterschiedlichen Tees basieren, mit unterschiedlichen Sirupsorten versetzt sind und in denen sich oft keine Tapioka-Perlen mehr finden, sondern andere, meist recht süße Toppings. Die Geschmacksrichtungen reichen von Mango und Honig bis zu Schoko und Ananas. Manche der Drinks erinnern an Saft, andere an Milchshakes.

In den USA, besonders an der Westküste, ist Perlentee schon seit vielen Jahren beliebt, und Yin Ye ist sicher, dass er nun auch Europa erobern wird. Tatsächlich ist ihre „Bubble’s Tea Bar“ nur einer von rund 20 Läden allein in Berlin, die das Getränk seit ein paar Monaten anbieten. Überall in der Stadt eröffnen derzeit Perlentee-Geschäfte. Speerspitze der Entwicklung ist die Kette „BoboQ“, gegründet von zwei Chinesen und einem Taiwaner. Ihr erstes Geschäft eröffnete im Frühjahr 2010 in der Marburger Straße unweit der Gedächtniskirche. Seitdem kommen regelmäßig Lizenz-Betriebe anderswo in Berlin und Deutschland hinzu: Am Alexanderplatz gibt es schon einen Laden, am Mehringdamm wird demnächst einer eröffnet. „BoboQ“ richtet sich vor allem an eine junge Kundschaft: Logo und Inneneinrichtung sind in knalligem Orange gehalten, die Drinks sind sehr süß und aus Lautsprechern schallt Chartmusik. Der Altersdurchschnitt der Besucher liegt bei 14, 15 Jahren.

Matthias Seidel hatte ein anderes Konzept im Kopf, als er und sein Geschäftspartner sich Mitte Juni spontan dazu entschlossen, einen Bubble-Tea-Laden aufzumachen. An einem Freitag kostete der 34-Jährige einen Perlentee und war so begeistert, dass er am Montag darauf wusste: Das machen wir! Schon fünf arbeitsintensive Wochen später eröffnete „Buddha Bubble Tea“, direkt am Ku’damm. Vor dem winzigen Laden, der einst einen Juwelier beherbergte, stehen Tische und Stühle, daneben sind rote, asiatisch anmutende Sonnenschirme aufgespannt. Seidel ist nicht nur studierter Mediendesigner, sondern auch Personal Trainer in einem Fitnessstudio, und so bedeutet Bubble Tea für ihn Genuss ohne schlechtes Gewissen. „Wenn Sie bei uns einen grünen Tee mit Fruchtsirup und Tapioka-Perlen trinken, schmeckt das nicht nur gut“, sagt er. „Da steckt auch ordentlich Vitamin C drin, und vor allem enthalten die Perlen viele Mineralstoffe. Außerdem hält Tee länger und gesünder wach als Kaffee.“ Das Logo des Ladens ist denn auch ein runder, gesunder Buddha, der glücklich an einem Strohhalm saugt.

27 Sorten Bubble Tea bietet Seidel an. Hinter dem schmalen Tresen zeigt er, womit man in seinem Geschäft schwarzen, grünen oder Hibiskus-Tee kombinieren kann. Neben den Tapioka-Perlen stehen noch zwei andere Toppings zur Auswahl, die man durch einen Strohhalm mit dem Tee einsaugt: Bei den „Jellies“, die schon länger auf dem Markt sind, handelt es sich um kleine, mit Fruchtsaft versetzte Streifen Kokosnussfleisch. Die „Boba Pops“ gibt es dagegen erst seit kurzem – ihre Erfindung verdankt sich der Molekularküche. Es sind durchsichtige Kugeln, die Saft enthalten und im Mund zerplatzen. All diese Produkte seien „kein Chemie-Mist“, betont Seidel, sondern „100 Prozent natürlich – Boba Pops stellt man zum Beispiel mit Seealgen-Extrakt her.“

Die ungewöhnlichste und vielleicht sympathischste Berliner Bubble-Tea-Bar liegt ein wenig versteckt im Norden von Prenzlauer Berg, in einer Querstraße der Schönhauser Allee. „Babbel T“ heißt der Laden, der zugleich Vereinstreff für „Unsa e.V.“ ist: Ein paar Schulfreunde aus Friedenau, alle Anfang 30 und mit Wurzeln unter anderem im Libanon, in Kolumbien und Korea, haben sich hier zusammengefunden, um „Völker- und Kulturverständigung durch authentisches Kochen & Essen“ zu betreiben – und was würde da besser passen als ein asiatisches Kultgetränk, das in Europa bisher kaum bekannt ist? „Auch Umweltschutz ist uns wichtig“, erzählt der 32-jährige Omio Horo von Unsa e.V. Die Einwegbecher sind deshalb aus Maisstärke, außerdem verwendet das Café besten Fruchtsirup und Bio-Tee, und wer möchte, kann sich für Soja- statt Kuhmilch entscheiden. Passend dazu gibt es selbstgebackenen Pandan-Kuchen (Pandan sind duftende Pflanzenblätter, die eine große Rolle in der südostasiatischen Küche spielen). Ein bisschen Geld verdienen möchten sie mit dem Café, sagt Horo – und neue Mitglieder für ihren Verein gewinnen. Bubble Tea könnte das richtige Lockmittel sein.

„Bubble’s Tea Bar“: Henriette-HerzPlatz 4, „Buddha Bubble Tea“: Kurfürstendamm 25, „Babbel T“: Rodenbergstraße 6.

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