Essen & Trinken : Tisch zu Tisch: Trattoria à Muntagnola in Schöneberg

Bernd Matthies

Die Trattoria in ihrer typischen Form ist zwar weltweit verbreitet, kann aber nur von Italienern authentisch betrieben werden. Sie allein verfügen über den richtigen Akzent, die karierten Tischtücher und die angebröckelten Keramikteller, die unabdingbare Voraussetzungen für den Erfolg des Betriebes sind. Kommt dann noch eine gute Küche hinzu, ist der Weg zu Ruhm und Reichtum geebnetÉ

Na, jedenfalls stellt man sich das so vor. In Berlin gab es über Jahrzehnte nur unechte Trattorias, die in Wirklichkeit schlecht getarnte Pizzerias waren. Die Schöneberger "Trattoria à Muntagnola" mit ihrer Orientierung an der Basilicata, der ländlichen Region tief im Süden des Stiefels, änderte das - dort begriffen die Gäste schnell, dass italienische Küche nicht in Bologna aufhört, und dass es durchaus möglich ist, auch die Traditionen einer armen Region zu Delikatessen zu veredeln. Dennoch ging auch die Muntagnola mit ihrer Heimwehküche, zelebriert von einer authentischen Mamma, auf Talfahrt; doch seit einiger Zeit hört man vermehrt positive Signale, die wohl mit dem verstärkten Engagement des Gründers Pino Bianco zusammenhängen. Kein Wunder, dass auf der schmalen Weinkarte ein dahingescherzter "Pino Bianco" zu finden ist.

Über die Jahre hat sich am Konzept kaum etwas verändert. Auf einer kleinen Tafel stehen die Tagesgerichte, knapp ein Dutzend, auf einem eingerollten und zugebundenen Papier findet sich die Standardkarte, die aber ebenfalls regional geprägt ist, auch wenn sich ein paar Standardgerichte darin finden. Hier galt schon immer die Regel, dass die Secondi, also die Hauptgerichte, am ehesten entbehrlich seien - das Angebot eines Menüs mit Vorspeisen, Nudeln und Desserts bestätigt das scheinbar von Anfang an. Aber die Pflicht!

Also grüner Spargel, hübsch mit Parmesan gratiniert, noch gerade fest genug und nicht zu fett. Oder Fenchel, grobschlächtig in Stücke gehackt und von einem köstlichen Püree mit Kapern bedeckt; man möchte es rustikal nennen, freilich ist es eine intelligente Rustikalität jenseits fetter Haxen und dicker Suppen. Sehr fein die Ravioli, erkennbar im Haus in halb runde, halb eckige Form gezwungen, gefüllt mit einer Artischockencreme und mit leicht geschmorten Kirschtomaten als optischem Akzent. Ob nun die Fama von den unbedeutenden Hauptgerichten zutrifft? Nicht zur Gänze. Mit den beiden Filets vom Wolfsbarsch, sanft übergrillt mit Parmesan und Kräutern und ohne Umschweife plaziert auf reichlich Rucola, waren wir durchaus einverstanden, weniger mit dem Kaninchen "in caponata", denn diese Caponata bestand überwiegend aus einem wüsten Haufen geschmorter Auberginen mit ein paar Oliven und angebratenen Kartoffeln drum herum, trotz des nicht zu trockenen Fleischs eher was für den ausgehungerten italienischen Bauarbeiter.

Wir ignorierten den mitleidigen Ansatz des Chefs, der uns zum Schutz gegen akute Überfress-Erscheinungen sofort die rituellen Schnäpse reichen wollte, und orderten Desserts. Niemand wird überrascht vom Stuhl fallen, wenn ich mitteile, dass hier Tiramisu, Crema Caramel und Panna Cotta dominieren, doch die Qualität ist anständig, vor allem bei der nicht zu gummihaften Panna Cotta, deren offensive Süße durch ein ganz natürlich saures Erdbeerpüree abgefangen wurde; die Karamelcreme mit Ricotta wird hier offenbar ruppig im Ofen auf dem Blech gebacken, was zu Überhitzung und krümeliger Konsistenz führt. Kann man besser machen.

Vom Wein war schon die Rede: Dies ist sicher von allen gehobenen Restaurants italienischer Art in Berlin dasjenige, das am wenigsten Ambitionen bei diesem Thema erkennen lässt und unverdrossen ("Rot oder weiß?") rauhe Rebensäfte aus der Karaffe reicht, schade angesichts des önologischen Aufschwungs gerade im Süden Italiens. Doch es gibt einige anständige Flaschen, beispielsweise den weißen sizilianischen Regaleali für 19,50 Euro. Das Essen ähnlich angemessen kalkuliert, Vorspeisen kosten um 8, Hauptgänge um 17, aufwendigere Pastagerichte um 11 Euro. Zusammen mit dem flinken, fehlerfreien Service ergibt sich also eine erneute Empfehlung dieses originellen Restaurants. Nur Wunder sollte man auch in der gegenwärtigen Aufschwungphase der "Muntagnola" nicht erwarten.

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