Von TISCH zu TISCH : 1900

Hirschbrocken auf Brombeersoße.

elisabeth Binder

Restauration 1900, Husemannstr. 1, Prenzlauer Berg, Tel. 442 24 94, geöffnet tägl. ab 10 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Prenzlauer Berg steckt voller Überraschungen. Nicht Schwaben, sondern Amerikaner säumten unseren Weg in die Restauration 1900. Selbst am Abend gab es gleich mehrere freie Parkplätze in der Nähe. Droht nach der Gentrifizierung die Touristisierung? Ach, die begann ja schon unmittelbar nach der Wende, als die Restauration 1900 noch kaum Konkurrenz hatte. Berühmt war sie schon zu DDR-Zeiten, als hier Ende der 80er Jahre die Gründerzeit rekonstruiert wurde und dieses Lokal zu den wenigen Adressen Ost-Berlins zählte, die Besucher mit gutem Essen versorgten. Erst ein Geheimtipp, war es nach der Wende lange Kult, und dann haben wir das Restaurant im Laufe der diversen Besitzerwechsel ein bisschen aus den Augen verloren. Heute dokumentiert eine Fotoausstellung die Entwicklung der Umgebung zwischen 1989 und 2001.

Der Gastraum wirkt noch wie einst, gemütlich, dunkles Holz, weiße Tischdecken. Alle Plätze waren besetzt – amerikanische Reisegruppen kommen gern hierher, um das alte Europa so zu erleben, wie sie es sich vorstellen. So vielversprechend die Karte wirkt mit regionalen Gerichten von damals bis heute und sogar einem Menü aus Omas Küche, so unverständlich altmodisch sind die Speisen dann inszeniert.

Auch sonst stießen wir auf verzichtbare Klischees. Doch, die Kellnerin war anfangs noch um Freundlichkeit bemüht. Aber schon als die erste Fruchtfliege im Prosecco ertrank, brach sich Pampigkeit die Bahn. Das sei erst nach dem Einschenken passiert, argumentierte sie, streng um ihre Nichtzuständigkeit bemüht. Schließlich griff sie widerwillig das Glas mit dem Hinweis, sie wolle das Tier da rausfischen. Als später am Abend noch eine Obstfliege, diesmal in einem achtbaren Rheingau-Riesling (19,80 Euro), den Tod findet, reagiert die Kellnerin auf die Bitte um einen Bierdeckel als Deckel geradezu schnippisch. Das passiere öfter, weil da schließlich Früchte herumständen. Offenbar hat das aber nicht zu der Konsequenz geführt, das Obst anderswo zu lagern. Stattdessen scheint man hier die Haltung zu pflegen, dass Gäste, die das stört, sich unnötig anstellen.

Auch die Speisen knüpften nicht an die alte Größe an. Mit am besten war noch die Erbsensuppe mit Minze und Rote-Bete-Schaum, lau gewürzt, aber ganz erfrischend (5 Euro). Das Carpaccio vom Müritzsaibling war sehr dick geraten, dafür schön saftig, auf einer Gurken-Meerrettichsoße angerichtet und halb bedeckt von einem an den Rändern knusprigen Kartoffelpuffer. Dazu gab es Schmand und Forellenkaviar, nicht schlecht, aber es fehlte die Leichtigkeit, die so ein Gericht haben könnte (9,50 Euro).

Dieser Eindruck vertiefte sich bei den Hauptgerichten. Der mit Paprika, Lauch, Mangold und Pfifferlingen überfüllte Zucchino saß inmitten eines klebrigen Berges Tomatenreis (11,50 Euro) und erinnerte an Studentenfutter. Ähnliche Defizite zeigte der Sauerbraten vom Havelländer Hirsch: Riesige, nicht durchweg zarte, aber teils mürbe Brocken Fleisch auf Brombeersoße, umgeben von Rotkohlcannelloni, bei denen der Teig zu fest war und der Rotkohl uninteressant gewürzt. Es schmeckte auch ziemlich aufgewärmt (15,50 Euro) – so wie damals in den Touristenlokalen, als es noch keine modernen Fertigungstechniken gab und die Kunst, althergebrachte Gerichte der Region modern zu inszenieren, noch unterentwickelt war.

Besser war das Dessert, wobei der arme Ritter aus einem schräg geschnittenen Stück Baguette sich eher fühlte wie ein pauvre Gentilhomme, die Berliner Luft war cremig gelb und luftig, das Berliner Weiße Sorbet stoisch bis ausdruckslos und die Beerengrütze ganz okay (6 Euro). Natürlich ist das alles von den Preisen her im Rahmen, und wahrscheinlich hat sich das Niveau der Speisen seit damals gar nicht verändert. Aber das Umfeld hat sich verändert, die Essgewohnheiten sind andere, und die meisten Berliner Kellner sind heute bemüht, den Gästen eine gute Zeit zu bereiten. Höchste Zeit also für die Restauration 1900, auch mal wieder einen Sprung nach vorn zu machen. Das gründerzeitliche Ambiente freut sich auf neuzeitliche Akzente.

0 Kommentare

Neuester Kommentar