Von TISCH zu TISCH : Aiko

Asiatische Ruhe vor dem Weihnachtssturm

Elisabeth Binder

Aiko, Brunnenstraße 193, Mitte, Tel. 280 981 11, geöffnet täglich ab 12, sonntags ab 14 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dies ist die Jahreszeit, in der man vor den ganzen Gemütlichkeitsattacken und weihnachtsseligen Kalorienbergen manchmal Zuflucht suchen muss in einem eher nüchternen Ambiente, bei Speisen, die nicht gleich sämtliche Klamotten sprengen. Das Aiko bietet sich dafür an, denn es ist sehr schlicht eingerichtet, wirkt dabei aber trotzdem nicht ungemütlich. Dunkle Tische mit Teelichtern und einfachen Pflanzen, vereinzelte Vasen und zurückhaltende Wandmalerei vereinigen sich zu einer Umgebung, in der die Sinne ausruhen können. Gute Tischabstände befördern die Diskretion der Gespräche, außerdem gibt es eine abseitige Nische mit einer Tafel für zwölf Personen und eine einsehbare Küche, die sich mit ihrer Show nicht in den Vordergrund drängt.

Natürlich liegen Stäbchen auf den Tischen, auf Wunsch gibt es auch Besteck. Positiv fiel mir der Einstieg in die Speisekarte auf. Sie erklären hier tatsächlich noch, was Sushi sind, wie man sie isst, und warum sie gesund und kalorienarm sind. Wer traut sich so was schon noch in Zeiten, da die coolen Fischhäppchen längst zur neuen Hausmannskost der Jeunesse digitale avanciert sind? Nützlich sind die Erklärungen in jedem Fall.

Am Nachbartisch saß ein junges Pärchen, das enorme Mengen von Inside-Out-Maki, Sashimi, Specialrolls etc. auf ausladenden Tabletts vor sich hatte. Die Gemischte Vorspeisenplatte für zwei Personen war dagegen angenehm übersichtlich und trotzdem nuancenreich. Es gab zwei scharfe Dips, Salat und dazu knusprige Frühlingsröllchen, Teigtaschen mit pikantem Schweinefleisch, sehr schöne glatte Meeresfrüchtebällchen und Hühnerspieße, die allenfalls am Rand ein wenig trocken waren (7 Euro).

Falls es noch Einsteiger gibt, die sich in Begleitung süchtiger Sushi Victims mit der trendigen und gesunden japanischen Küche erst vertraut machen möchten, aber rohen Fisch dennoch lieber mit respektvollem Abstand betrachten, sind die hier genau richtig. Die Spezialität des Hauses heißt „Tepanyaki“ und besteht aus behutsam Gegrilltem. Man hat die Wahl zwischen Heilbutt, Seezunge, Hühnerbrust, Ente... Die hauchdünnen Rinderfiletfetzen waren auf angenehm gaumenfüllende Art scharf gewürzt, dazu gab es eine großzügige Portion exotischen Gemüses, das ebenfalls scharf gewürzt war, außerdem einen Quader Reis (12,50 Euro). Die mit Flugfischkaviar und Sesam umhüllten Spicy Tuna Inside-Out setzten die Tour durch die angenehmen Schärfe-Varianten fort. Thunfischhack, Gurke, Lauchzwiebeln und Spicysauce inszenierten temperamentvoll den dicken Rand aus klebrigem Reis (8,50 Euro). Und irgendwann wird der Ausdruck „Würzsauce“ sicher auch wieder cool!

Zum Nachtisch probierten wir das Eis vom grünen Tee, das bei allen exotischen Noten doch einen recht lahmen Einschlag ins Industrielle hatte und jedenfalls wenig charaktervollen Eigengeschmack besaß (3 Euro). Ehrlicher war das Vanilleeis zu knusprig gebackenen Bananen (3 Euro). Die Auswahl an Desserts ist hier überdurchschnittlich groß. Es gibt unter anderem japanischen Reiskuchen (3 Euro) und japanisches gebackenes Eis (3 Euro).

Der 2006er Bio-Riesling vom Pfälzer Weingut Isegrim-Hof, ein angenehm milder Wein, harmonierte überraschend gut mit den hier verwendeten Schärfen (19 Euro). Dagegen fiel der offene italienische Merlot deutlich ab (0,2 Liter = 3,50 Euro). Stilistisch steht der heiße Reiswein aus der Porzellankaraffe den Gerichten ohnehin näher (0,1 = 3 Euro). Außerdem gibt es Jasmintee und japanisches Bier.

Bei aller Schlichtheit verschließt man sich modischen Strömungen nicht, dafür sprechen zum Beispiel die Rucola-Maki mit Philadelphia Sesam und die Tatsache, dass man gratis im Internet surfen kann. Wer aus dem süßlicher nie klingenden Weihnachtswahn kurz aussteigen möchte, braucht nicht mal auf Festmenüs zu verzichten. Sie sind benannt nach der roten Sonne, nach Tokio oder Kyoto. Bei der Orgie am Nachbartisch kann es sich nur um das Premium-Menü gehandelt haben. Das stärkt ganz sicher nachhaltig für Weihnachtsfeiern und aufkommende sentimentale oder familiäre Herausforderungen.

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