Von TISCH zu TISCH : Allesisstgut

Oktopus mit roten und gelben Beten.

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Allesisstgut im Seehotel am Neuklostersee, Seestr. 1, Nakenstorf (MVP), Tel. (038422) 4570, täglich 12-15 & ab 18 Uhr. Foto: Heinrich
Allesisstgut im Seehotel am Neuklostersee, Seestr. 1, Nakenstorf (MVP), Tel. (038422) 4570, täglich 12-15 & ab 18 Uhr. Foto:...

Wenn wir hier die Landesgrenze Brandenburgs doch ein ganzes Stück überschreiten, dann geschieht das nicht aus reinem Mutwillen, sondern weil Brandenburg trotz all seiner landschaftlichen Vorzüge einen eklatanten Mangel an einer bestimmten Art Hotel hat. Es liegt ruhig und idyllisch am See, schmeichelt dem Auge durch geschmackvolle, dezente Gestaltung und bietet eine gute, frische Küche, ohne nun gleich in Schönheit sterben zu wollen. Dazu fällt mir in Brandenburg außer Gut Klostermühle so gut wie nichts ein, und deshalb fahren auch nach Saisonende nur noch so wenige Berliner aufs Land.

Nicht, dass es so etwas nun nebenan in Meck-Pomm an jeder Ecke gäbe. Aber es gibt, nicht weit von Wismar, schon lange das idyllische Seehotel am Neuklostersee. Gäste mit Spaß an gutem Essen haben da bisher immer abgewinkt, ich weiß, das war nix – aber dazu gibt es keinen Grund mehr. Denn seit einiger Zeit steht dort Detlef Weiß am Herd. Er war mal Sous-Chef bei Kurt Jäger im „Haferland“ auf dem Darß und zeigt nun im Seehotel, was er selbst kann, getrieben nicht von Sterne-Ehrgeiz, sondern von der nicht leichter realisierbaren Absicht, für relativ wenig Geld gut zu kochen. Mittags mit kleiner Karte, abends per Menü.

Das Seehotel ist einer der verlockendsten Plätze weit und breit. Es gehört den Berliner Architekten Johanne und Gernot Nalbach, die sich aus dem wackligen alten Haus eine private Idylle ohne jegliches Hotelklischee gebaut haben. Es gibt längst mehrere Gebäude, darunter auch eine Schwimmhalle beachtlicher Größe, unter deren Dach auch komfortable Zimmer und Suiten untergebracht sind. Kinder finden im weitläufigen Garten einen abenteuerlichen Turm, das „Kinderhotel“, in der Nähe mampfen zwei Schafe, und der See liegt genau so davor, wie ein anständiger See zu liegen hat.

Das ist nichts für Gäste, die in Depressionen verfallen, wenn niemand ihr Vuitton-Gepäck oder das glitzernde SUV bewundert, aber die werden hier auch nicht vermisst. Alle anderen dürften vermutlich zustimmen, wenn sie hören, dass das Seehotel von „Geo Saison“ zu einem der hundert besten europäischen Hotels ernannt wurde.

Wir waren bei der Küche, die in einer kleinen Gaststube und einem lichten, ebenfalls überschaubaren Wintergarten serviert wird und ganz wundersam Welt und Region mischt. „Allesisstgut“ heißt das neuerdings; alte Jäger-Kenner werden manches Detail mit nostalgischer Freude wiedererkennen, beispielsweise ein Octopus-Carpaccio, das uns hier sehr schön geerdet mit roten und gelben Beten aufgetischt wurde. Zur Saiblingsrolle, in Kräuter gerollt, gab es ein Stück sehr sorgfältig pochierte Fjordforelle, dazu schwarze Linsen, Wurzelgemüse und einen Hauch von Kräutersalz.

Wunderbar profund schmeckte der Auszug vom geschmorten Ochsenbein, und dann ging es ländlich-sittlich in die Zielgerade mit dem Stahlbroder Landschwein: Der Rücken gebraten, die Backe geschmort in dunklem Bier, dazu Streifen vom Ohr, Maiscreme, Zitruskarotten und ein Würfel aus gebackenem Kartoffelpüree – wer das hier draußen normal findet, muss schon sehr hohe Ansprüche haben.

Was auch fürs Dessert gilt: Wir hatten ein leichtes, mit Portweingelee überdachtes Nougatschnittchen plus Holunderapfel und Eisenkraut-Sorbet aus dem eigenen Kräutergarten. Man rechne für solche Vergnügungen bei drei Gängen mit 33 Euro – ein Preis, der auch durch die Weine nicht mehr exorbitant in die Höhe getrieben werden kann. Das Angebot mit deutsch-österreichischem Schwerpunkt ist angenehm groß und verlockt dazu, einfach hocken zu bleiben und noch eine Flasche kommen zu lassen.

Was den Preis aus Berliner Sicht dennoch treibt, ist die Notwendigkeit, nach Genuss dieser Flaschen im Haus zu übernachten. Das kostet aber nicht die Welt und bringt dem Gast am nächsten Morgen auch noch ein gutes ländliches Frühstück ein. Der Service ist so nett wie das ganze Hotel: Mithin ist ein besseres Versteck für Berliner Stadtflüchtlinge kaum denkbar – sie können das Hotel im Winter genauso genießen wie im Sommer. Und den Herbst sollten wir nicht vergessen.

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