Von TISCH zu TISCH : Alpenstück

Heimatküche für die Großstadt

Elisabeth Binder

Alpenstück, Gartenstraße 9, Mitte, Telefon: 217 516 46, Reservierung empfohlen, geöffnet täglich von 18 bis 1 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Lärmpegel in dem weitläufigen Raum ist so hoch, dass die Kellnerin Mühe hat, die Bestellung überhaupt zu verstehen. Es stehen viel zu viele der in modischem Hellgrau gehaltenen Tische in dem Raum, umrahmt von beigen Holzstühlen, teils weiß eingedeckt, teils schlicht mit Stoffservietten und gläsernen Windlichtern geschmückt. Wir haben zwar reserviert, bekommen aber trotzdem nur einen Katzentisch in der Nähe des Eingangs, nicht ganz, aber fast auf dem Schoß der Nachbarn. Alle anderen Tische sind auch reserviert, es wird noch richtig voll im Laufe des Abends. Willkommen in der neuen, deutschen Gemütlichkeit. Ein echter, mit Holzscheiten gefüllter Korb steht vor einer mit Holzscheitmotiven tapezierten Wand. Das „Alpenstück“ ist total in bei den jungen Kreativen und Intellektuellen in Mitte, aber auch einige betagtere Dichter und Denker scheinen sich in dem Kantinenambiente wohlzufühlen.

Das könnte am guten Getränkeangebot liegen, aber Vorsicht, die vielen offenen Weinangebote sind bei den Preisen auf akademikerfeindliche 0,1-l-Mini-Portionen bezogen. Dafür gibt es eine hochsolide Auswahl bewährter Produzenten wie Bercher und Heger, einen guten, sauberen, kalten Riesling-Sekt (4 Euro), und der 2003er Spätburgunder von Bercher hatte sich auch gut gehalten (24 Euro).

Die Karte ist vergleichsweise klein, weil man hier in der offenen Küche dem löblichen Ehrgeiz frönt, täglich alles frisch zu kochen. Die Rote-Bete-Suppe war tiefrot und erinnerte von der Konsistenz her fast an Rote Grütze, nur dass sie natürlich geschmeidiger war und mit einem Klacks frischer Meerrettichsahne elegant abgesetzt (6,50 Euro). Einen sehr aparten Geschmack hatten das hausgemachte dunkle Brot und auch der dazu servierte Kräuterquark. „Heimatküche“ nennt sich das Konzept und meint wohl eine äußerlich zwar etwas kühle Heimat, die sich aber auf gesunde Wurzeln besinnt, die zurückreichen bis in jene Tage, als richtiges Essen aus Naturprodukten noch nicht mit dem Qualitätssiegel „Bio“ gekennzeichnet werden musste, sondern der Normalfall war. Bis tief zurück ins vergangene Jahrhundert also.

Was auch angenehm auffällt, ist der effiziente Service: nicht übermäßig überfreundlich, fast ein bisschen streng, aber schnell, und das ist schließlich die Hauptsache. Eine Gastgeberin platziert die ständig neu eintreffenden Gäste und dirigiert auch schon mal den getrennt voneinander operierenden Getränke- und Speisenservice. Hier sind Profis am Werk. Vielleicht sollten die sich noch mal mit einem Innenarchitekten anfreunden, der Talent zum Schalldämpfen mitbringt und sich gleich auch der klaustrophobisch klemmenden Toilettentür annehmen könnte.

Kaninchenrücken als Vorspeise? Das schmeckt erstaunlich gut, auch wegen der süßlichen Senfsauce, die in ihrer dichten Konzentration stilistisch der Suppe glich. Nur der Salat aus Gerste, Cherry-Tomaten und Lauch war zwar originell, aber vielleicht zu mächtig angelegt (8,50 Euro). Das Spanferkel scheint im Laufe des Abends etwas knapp geworden zu sein, vier kleine Stückchen vom Rücken immerhin in Begleitung von Mangold, Kräuterbutter und einem mächtigen Berg Kartoffelpüree, alles sehr salzig, aber das passiert, wenn die Gerichte live und in Mengen gekocht werden. Es schmeckt trotzdem okay, vor allem das Püree (16,50 Euro). Die im Ganzen gebratene Forelle erweist sich als sehr saftig, nachdem wir sie von Kopf und Schwanz befreit haben, wobei ich immer dankbar bin, wenn Fischköpfe rasch entfernt werden vom Tisch, sonst gucken sie einem so traurig tot beim Essen zu. Dazu gibt es wunderbar altmodisch angemachten grünen Salat und Bratkartoffeln, die ein bisschen krosser und trockener hätten sein dürfen (16,50 Euro).

Zum Nachtisch gibt es tiefdunkle, nicht zu süße Schokoladentarte mit fruchtigem Birnenkompott (7,50 Euro). Und nein, der Allgäuer Bergkäse, der so lockend auf der Karte steht, ist leider nicht als kleine Portion zu haben (7,50 Euro). Sie machen aber gern ein Doggy Bag aus dem Rest. So bekamen wir einen der beiden langen und sehr guten, sehr würzigen Käsefladen mit einigen Stückchen des hausgemachten Brots in Alufolie zwecks Heimtransports zur Rechnung serviert.

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