Von Tisch zu Tisch : Altes Zollhaus

Bauernente mit Rahmwirsing

Elisabeth Binder

Kein Durchzug im Sommer. Das ist schon mal schön. Die hoch liegenden Fenster vom Alten Zollhaus sind fest geschlossen, lassen freilich auch nicht allzu viel Abendlicht in den ohnehin eher schummerigen Raum. Schwer senkt sich auf die weiß gedeckten Tische der intensive Duft von 1001 Obstbrand. Erst in letzter Minute wird der reservierte Tisch hergerichtet. Auch an diesem Abend ist alles ausgebucht, der erste Versuch, einen Tisch zu ergattern, war zwei Wochen zuvor gescheitert. Professionell agierende Kellner hantieren routiniert mit blitzenden Gläsern. Auf den Tischen brennen Kerzen.

Die Karte ist klein. Das an diesem Abend angebotene besondere Menü mit korrespondierenden Weinen rekrutiert sich im Wesentlichen aus Gerichten, die in der normalen Abendkarte auch aufgeführt sind. Wir wollen mit dem Hauswein beginnen, einem Rosé namens „Horcher“, vom gleichnamigen eigenen Weingut in der Pfalz. Streng mahnt uns die Kellnerin, dass wir doch wohl zuerst den Aperitif des Hauses probieren wollten, einen Holundersekt (7 Euro). Noch durchschauten wir nicht, warum wir das unbedingt tun sollten, waren letztlich aber zufrieden mit dem fruchtig prickelnden Auftakt. Anschließend prickelte zunächst einmal nur das Wasser, bis ein netter Kellner zugab, dass der noch nicht kühl genug sei. Er wurde dann nach und nach in Minikaraffen aufgetragen. Zum Hauptgang hatte er endlich Soll-Temperatur erreicht. Als wir noch mal nachbestellten, kam die letzte Karaffe schnell und kalt. Besser kann man mit einer Panne eigentlich nicht umgehen (0,25 l für 6 Euro).

Um uns herum saßen viele freundlich aussehende Genussveteranen. Das junge, hippe Publikum ist anderswo. Der Ansturm der Gäste aus dem Ausland, die nach typisch deutschem Essen und Ambiente suchen, hat uns letztlich mal wieder neugierig gemacht auf dieses Restaurant. Das Alte Zollhaus hat nichts Touristisches, was sehr angenehm ist. Dafür liegt eine fast museale Patina auch auf den Gerichten. Ja, es gab eine Zeit vor dem Aufstieg der Chilischote zum allgegenwärtigen Scharfmacher der jungen kreativen Küche, und hier wird sie konserviert.

Vorweg gibt es schönes kräftiges Zwiebelbrot, zu dem das nicht sonderlich charakterstarke Öl nicht recht passen will. Allerdings befinden sich in dem Brotkorb auch weiße Baguettescheiben.

Der gratinierte Ziegenkäse ist in Ordnung, gut portioniert. Dazu gibt es einen nicht geradezu vor Originalität strotzenden knackigen Tomaten-Brot-Salat und Blattsalate. Das marinierte Gemüse ist malerisch auf dem Teller verteilt, die enthäutete Tomatenhälfte, die grünen Bohnen, die grüne Spargelstange, der Möhrenspeer, die Radieschenscheibe… aber halt, was ist das? Ein Biss in eine Teigzigarre enthüllt, dass sich darin eine ziemlich kratzgrätige Sardine verbirgt. Mitfühlende Köche pflegen einen sanfteren Umgang mit dem Gaumen des Gastes.

Die Brandenburger Bauernente ist einwandfrei gebraten, schmeckt kräftig, dazu gibt es ein krosses Kartoffelplätzchen und gelungenen Rahmwirsing. Gute Zutaten aus der Region, gut zubereitet. Man erkennt schon, warum es hier so voll ist. Auch der Turm vom Freilandhuhn in roter Horcher-Wein-Sauce zeigt solides Handwerk. Das Fleisch ist zart und hat den echten Huhngeschmack, die Sauce kräftig, außerdem gibt es ein marmoriertes Bett aus Spinat- und Kartoffelpüree, das mir ausgesprochen gut gefiel.

Zum Nachtisch kommt ein fruchtaromenreicher gebratener Pfirsich, dazu Lavendeleis und süße Pinien-Honigcreme. Die kleine Käseauswahl kam zwar nicht, wie annonciert, vom Wagen, sondern aus der Küche, offenbar direkt aus dem Kühlschrank, und enthielt keine Überraschungen, dafür immerhin Weintrauben, Walnusshälften und guten Feigensenf. Die beiden dreigängigen Menüs, die man sich aus der Abendkarte selbst zusammenstellen kann, kosten jeweils 38 Euro.

Zum Schluss machte ich einen Sondertest, da ich immer mal wieder in Diskussionen über die richtige Höhe des Trinkgeldes gerate. Ich plädiere normalerweise für zehn Prozent, viele finden, dass die Hälfte auch reicht. Also rundete ich 114,50 Euro auf 120 Euro auf. Kein Dankeschön, kein Abschiedsgruß folgte uns auf dem Weg nach draußen.

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