Von TISCH zu TISCH : Anabelas Kitchen

„Pfefferärschli“ auf Pflaumenbrot.

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Anabelas Kitchen, Pestalozzistr. 3, Charlottenburg, Tel. 287 012 24, dienstags bis samstags 18 bis 23.30 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Anabelas Kitchen, Pestalozzistr. 3, Charlottenburg, Tel. 287 012 24, dienstags bis samstags 18 bis 23.30 Uhr. Foto: Kai-Uwe...

Patronne Anabela stand allein in der Küche. Unterstützt nur von einem smarten jungen Mann, der ebenfalls im Alleingang den Service erledigte. Zwischenzeitliche Längen können da nicht ausbleiben, obwohl nicht mal alle Tische besetzt waren. Aber das Ausharren lohnte. Zumal man auch nett sitzt in dem zweiteiligen Gastraum zwischen dunkelgrün gestrichenen Wänden, an denen handgeschriebene Rezepte hängen, was einen sehr gemütlichen Eindruck macht. Die Tische sind weiß gedeckt, Kerzen brennen, schöne Lampen verbreiten mildes Licht. Angenehme Musik klingt in erträglicher Lautstärke aus den Boxen. Es ist ein familiäres Restaurant, das noch keine Kreditkarten akzeptiert.

Die Getränkekarte ist umfangreich, da bleiben kaum Wünsche offen. Das Speisenangebot dagegen ist eher klein, es passt auf eine Seite. Zum portugiesischen Sekt gibt es winzige, aber würzige Oliven und fluffiges Brot. Das Mineralwasser kommt nicht aus Porto, sondern aus Bad Liebenwerda, wird aber in schönen Karaffen serviert. „Wir mögen keine Flaschen auf den Tischen“, sagte der servierende Solist und schüttelte sich leicht. Die portugiesischen Weine sind mit Bedacht ausgewählt, man sollte ihnen vor den ebenfalls gut sortierten deutschen Weinen unbedingt den Vorzug geben. Der Vinho Verde, ein 2012er Quinta de Gomariz Loureiro, leicht moussierend, entfaltete bei aller typischen Frische überraschend viel Charakter (24 Euro).

Die Zutaten für das rundum entspannende After-Work-Restaurant sind also alle vorhanden. Und was die Arbeit am Tag danach betrifft, können wir beruhigt berichten, dass dies ein portugiesisches Restaurant ohne Knoblauchfahne ist. Gewürzt wird dezent, wie uns der trotz seines hohen Arbeitseinsatzes ganz gesprächsbereite Kellner schon vorab versicherte. Es ist ja auch keine streng portugiesische Küche, die hier serviert wird, sondern eher die von deutschen Einflüssen inspirierten Kreationen einer gebürtigen Portugiesin, die schon lange in Deutschland lebt.

Bestes Beispiel: die Vorspeise, Pulpo und Boudin Noir. Der Tintenfisch nicht zu knapp bemessen und weich gekocht passte überraschend gut zur kräftig gewürzten Blutwurst. Auf Kürbisscheiben saßen geschmorte Cherrytomaten und gaben dieser besonderen Interpretation von Surf und Turf gemüsige Leichtigkeit (9,50 Euro). Die Gemüse-Fisch-Suppe neigte sich wieder leicht Richtung Atlantikküste mit der großzügigen Einlage aus gebratenem Seeteufel und allerlei raffiniert aromatisiertem Gemüse (6,90 Euro). Fast hätten wir „Mehr“ geschrien. Die Lammkoteletts waren die besten, die ich seit langem probiert habe, schön fleischig, rosig gebraten, dabei zart. Dazu passten die leckeren Süßkartoffelspalten. Die eher blassen Wachsbohnen trugen in ihrer dezenten Zurückhaltung zum stolzen Auftrumpfen der irischen Koteletts noch bei (18 Euro).

Der Loup de Mer erschreckte auf den allerersten Blick etwas, weil uns niemand vorbereitet hatte auf den Anblick eines im Ganzen gegarten Fisches mit Haut und Kopf und allem Drum und Dran, als säßen wir hier in einem kleinen Dorf am Meer. Der nette Ober war vermutlich selber überrascht, denn einen Teller für die Abfälle brachte er erst auf Nachfrage. Das Innere des Fisches muss man sich buttrig-weich vorstellen, schlicht köstlich. Dazu gab es La Ratte Kartoffeln und in der Zitronen-Speck-Gremolata die magersten Speckstückchen, an die ich mich erinnern kann (19,50 Euro).

Zum Nachtisch bereitete Anabela an diesem Abend warmen Schokoladenkuchen, Eis und Pflaumenkompott zu, das schmeckte einwandfrei (5,50 Euro). Der Hit war aber „Blomeyers Käseauswahl“. Das Pflaumenbrot dazu war als solches zwar schwer erkennbar, weil es in der Gestalt eines Puppenstuben-Tortenstückchens zwischen den Käsesorten fast unterging. Aber der Käse selbst entfaltete wunderbare Aromen, und das schon in den Namen: „Berliner Brikett“, weich und sahnig, „Pfefferärschli“ mit ganzen Körnern, „Vom Trollinger Gesalbter“ und vor allem der sehr kräftige „Viehscheid“ schmeckten wunderbar und definitiv nach mehr (7,50 Euro). Da wird dem schweren portugiesischen Rotwein ganz leicht um die Blume.

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