Von TISCH zu TISCH : Aznavourian

Coq au vin mit Kartoffelgratin

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Aznavourian, Rykestr. 2, Prenzlauer Berg, Tel. 486 231 31, geöffnet täglich 9 bis 4 Uhr.
Aznavourian, Rykestr. 2, Prenzlauer Berg, Tel. 486 231 31, geöffnet täglich 9 bis 4 Uhr.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Chansonniers, Schauspieler oder Filmfiguren zu Paten von Restaurants zu ernennen scheint total im Trend zu liegen. Ob Belmondo, Brel oder Bond, das Vorbild bestimmt die Musik oder besser noch die Atmosphäre. Die Dekoration versteht sich dann schon fast von selbst. Vom Musikprogramm nicht zu reden. Das Aznavourian hat sich schon mal ein Motto mit gutem Klang gewählt: „La Seine, la Scène et la Cène“. Nun hält die Szeneküche in Prenzlauer Berg sowieso Speisen aus allen möglichen Weltgegenden bereit. Die Frau am Klavier ist Russin und singt zwar nicht, spielt aber wie eine Weltmeisterin. Dass die Seine nicht gerade um die Ecke ist, stört nicht weiter.

Der Kellner ist erst kurze Zeit im Amt. Seine Aperitif-Empfehlung ist trotzdem gut, Crémant (4,50 Euro), der kalt ist, sehr schön moussiert und gut passt zu Baguette und schwer knoblauchhaltigem hausgemachtem Aioli. Die Tische sind blank mit brennenden Kerzen und Stoffservietten drauf, es gibt lange Spiegel an der Wand und dazu riesige Schwarz-Weiß-Fotos, die natürlich mit dem Namensgeber zusammenhängen.

Fast fehlt in diesem leicht existenzialistisch angehauchten Ambiente der Zigarettenqualm, aber das traut man sich ja kaum noch zu sagen. Man sitzt auch bei vertraulichen Gesprächen in angenehmem Abstand von den Nachbarn, allerdings darf es nicht zu voll sein. Selbst bei kühlen Temperaturen laden auf der großen Terrasse dank reichlich vorhandener Kuscheldecken die Tische zum Sitzen ein. Und es gibt Coq au Vin, geschmortes, zartes Hähnchen, Brust und Keule, in einer extrem reduzierten kräuterig-köstlichen Rotweinsauce. Dazu passt ein kräftiges Kartoffelgratin, bei dem am Knoblauch ebenfalls nicht gespart wurde (16,50 Euro). Locker aufgetürmt, sind grüne Blattsalate die Basis für gebratene Scampi, kombiniert mit Erdbeeren, die fest und frisch sind (13,50 Euro). Zu den Klassikern auf der Karte gehören auch warmer Ziegenkäse, Bouillabaisse, Austern, Blutwurst und natürlich Schnecken.

Eine samtig-schwere Orangen-Sellerie-Suppe ist gekrönt von einem zarten Hähnchenfruchtspieß (7,50 Euro). Das alles ist hübsch und gekonnt angerichtet. Keine modischen asiatischen Einflüsse, keine Spielereien lenken ab von der geradlinigen, dem modernen Geschmack sacht angepassten französischen Küche, wie man sie inzwischen eher selten findet.

Zu den Klassikern gehört natürlich auch der Salade niçoise, ganz klassisch mit gerösteten Kartoffeln, Thunfisch, Bohnen, Eierscheiben, Oliven, Anchovis, grünen Blättern und einer leider zu winzigen Portion Dressing, die separat serviert wird in einem Schälchen von der Größe einer Löffelablage (9,50 Euro).

Es gibt eine gute Auswahl deutscher und französischer Weine, auch eine breite Auswahl mit anderen alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken, schließlich kann man hier von morgens um neun bis nachts um vier herumhängen und Leute beobachten, das addiert noch einen Hauch Literaturcafé.

In einer frankophilen Umgebung gehört es sich, dass ein offener Alsace Riesling von hoher Qualität ist. Leider ist das immer noch nicht selbstverständlich, aber hier durchaus der Fall (4 Euro). Auch der Weißwein der Woche, ein frischer, heller 2009er Picpoul de Pinet, Hugues de Beauvignac, war, wo nicht supergünstig, so doch ein guter Begleiter zum Essen (24,50 Euro). Das ist nicht weiter verwunderlich, da die Betreiber erfahrene Gastronomen sind, die mit dem Brel auch im alten Westen am Savignyplatz präsent sind.

Die Lust auf Tarte Tatin blieb beim Dessert zwar leider ungestillt, weil sie frisch gebacken wird, und da muss man mindestens 20 Minuten drauf warten. Ein kleiner Hinweis auf der Karte wäre gut, dann kann man sich schon vor dem Hauptgang fürs Dessert entscheiden. Sehr gut war die Mousse au Chocolat, weil sie, sowohl was Konsistenz als auch was Geschmack betraf, wunderbar hausgemacht schmeckte, dazu gab es Erdbeeren und Johannisbeeren (6,50 Euro). Die müssen weit gereist sein, um bis Prenzlauer Berg zu kommen, aber Weltläufigkeit gehört ja zum Stil des Restaurants.

Aznavourian. Rykestr. 2, Prenzlauer Berg, Tel. 486 23131, geöffnet täglich 9 bis 4 Uhr.

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