Von TISCH zu TISCH : Berlin-Moscow

Sahnepudding mit Königskrabbe und Erbsen.

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Berlin-Moscow, Unter den Linden 52, Mitte, Telefon 2005 8968. Täglich von 7 bis 23 Uhr geöffnet. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Berlin-Moscow, Unter den Linden 52, Mitte, Telefon 2005 8968. Täglich von 7 bis 23 Uhr geöffnet. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Große Geste, mal wieder. Viel Geld aus Russland, Städtefreundschaft, ein Koch, der bei Ducasse gelernt haben soll, Hans-Peter Wodarz als Werbelokomotive und Teilhaber. „Berlin-Moscow“ heißt das Ergebnis, es füllt den Raum, den das erfolglose „Lindenlife“ schon vor Jahren hinterlassen hat. Und es füllt ihn, wie ich fürchte, nicht viel besser. Von den Gästemassen, die in ersten Veröffentlichungen imaginiert worden waren, habe ich nichts gesehen. Wir saßen, an einem Freitagabend, ziemlich allein da. Es war das ungute, alte Lindenlife-Gefühl.

Wer abends kommt, hat als Erstes eine Entscheidung zu treffen. Unten – oder oben zum „Fine Dining“? Wir gingen nach oben und fühlten uns am Ende, als 230 Euro auf der Uhr standen, einigermaßen veralbert. Das lag zum Teil am komplett uninformierten, unsicheren Service, überwiegend aber daran, dass die Küche bisher weder handwerklich noch stilistisch irgendeine Linie gefunden hat. Tiefpunkt war das strohtrocken gegarte Lachsfilet voller Gräten mit ein paar Kartoffelschuppen auf der weichen Haut und harten Gemüsen (28 Euro).

Aber von vorn: Die „Fine Dining“-Speisekarte hebt sich kulinarisch nur teilweise vom normalen Angebot unten ab, aber deutlich in den Preisen. Das führt dazu, dass ein „Olivier-Salat“ unten neun, oben aber 16 Euro kostet – ein Unding. Es handelt sich dabei übrigens um eine Art Sahnepudding aus Gemüse mit sehr vielen bunten Soßenklecksen, weitgehend geschmacksneutral, um nicht zu sagen: fad gehalten. Oben liegen ein paar Schnipsel Königskrabbe drauf, die schon sehr viel Zeit in der Kühlung verbracht haben, deutlicher Geschmack kommt nur aus den begleitenden Erbsensprossen.

Noch weiter von vorn. Selbstredend hat ein Restaurant wie dieses Kaviar vorrätig zu haben. Hatte es aber nicht. Hallo? Moskau? Wir erfuhren das nur zufällig, weil wir ein Fischgericht bestellt hatten, das dann auch nicht da war; das hätte der Service gleich sagen können. Der Champagner (Veuve Clicquot, 12 Euro) wurde in der Flasche gut 20 Minuten durchs Haus getragen, bis er uns schließlich, schon eingeschenkt, am Tisch erreichte. Immerhin war es die angekündigte Sorte, was später beim Wein nicht gelang, da kam Weißburgunder von Elena Walch (29 Euro) statt des bestellten Sauvignon (39 Euro). Der Kellner, auf Fehler aufmerksam gemacht, reagierte stets mit einem überraschten „oh!“, mehr passierte nicht. Beim Nachbonieren von 10 Euro war er aber sehr akkurat.

Gut: Fünf (!) fleischgefüllte Pelmeni – das sind gewissermaßen russische Ravioli – etwas trocken, mit Schaum von Roten Beten (12 Euro). Auch gut: Borschtsch, irgendwie dekonstruiert mit den üblichen Elementen in anderer Form. Erklären mochte es uns niemand, ich kann aber berichten, dass die obligatorische saure Sahne in Form eines gefrorenen Lutschers gereicht wurde (14 Euro).

Die Küche hat eine unglückliche Neigung zum sogenannten À-la-minute-Räuchern. Dabei kommt das fertige Gericht zusammen mit frisch erzeugtem Rauch unter eine Glasglocke und nimmt dessen Aroma an. Beim Rehrücken (34 Euro) war das auf der Karte angekündigt, bei der Entenstopfleber (28 Euro) nicht. Ich hätte das so nicht beides nacheinander bestellt, aber niemand hatte mich darauf hingewiesen. Reklamation: „Oh!“

Die Leber war ein Witz, eine kleine Scheibe mit Gummigelee und trockenem Brioche. Und auch dem Reh, begleitet von gutem Jus, grünen Bohnen mit Schwarzwurzeln (komisch) und einem Kürbis(?)püree, bekam der Rauchgeschmack überhaupt nicht, es zerfiel, übergart und kaum noch rosa, bitterlich im Mund. Positiv sind mir die Desserts aufgefallen, eine leichte Mascarponecreme mit Mango und ein saftig getränkter Baba au Rhum (je 14 Euro). Die Weinkarte bietet keine Überraschungen, ist aber preislich vertretbar und inhaltlich okay.

Aber all das ist insgesamt bei einem Projekt dieses Pomp-Grads entschieden zu wenig. „Es muss halt noch viel verändert werden“, sagte mir Wodarz dieser Tage zufällig. Da hat er nun wirklich absolut recht.

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