Von TISCH zu TISCH : Cross

Carpaccio vom Thunfisch mit frischem Ingwer.

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Cross Finest Deli, Else-Ury-Bogen 597 (Savigny-Passagen), Charlottenburg, täglich 8-24 Uhr, Telefon 31013100. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Cross Finest Deli, Else-Ury-Bogen 597 (Savigny-Passagen), Charlottenburg, täglich 8-24 Uhr, Telefon 31013100. Foto: Kai-Uwe...

Viele dieser Kolumnen widmen sich seit Jahrzehnten der Frage, wie moderne italienische Küche aussehen könnte. Das liegt daran, dass der Gast bei einem italienischen Restaurant in aller Regel die weltbekannten Klassiker erwartet, vor allem aber auch eine tendenziell leichte, nicht überfrachtete Küche. Gute, kreative Köche verzweifeln oft an diesem Erwartungshorizont und hauen dann doch wieder Pizza raus – oder sie kochen irgendetwas Experimentelles, was nicht mehr als italienisch zu erkennen ist. Das gibt immer wieder Konflikte.

Neu in meiner Sammlung italienischer Kuriositäten ist ein Restaurant, das sich hinter einem weit hergeholten Fantasienamen versteckt. Nicht Da Antonio oder Roma, keine Osteria und kein Ristorante, sondern: Cross Finest Deli. Eine ulkige Entscheidung. Denn ich hätte – wie sicher fast alle anderen Gäste – hinter diesem Namen Pastrami-Sandwiches erwartet oder Bagels mit Lachs, aber nie ein reinrassiges, weitgehend klassisch orientiertes italienisches Restaurant.

Wie auch immer: Dies ist ein angenehmer, sehr berlinischer Ort, in einem der S-Bahn-Bögen am Savignyplatz, klein, kuschelig. Alle paar Minuten rumpelt die S-Bahn drüber, gibt eine kleine Ganzkörpermassage, dann geht das Essen weiter. die freundlichen Kellner tragen Hosenträger und Schiebermütze, oben an der Wand zappelt Charlie Chaplin vom Beamer herum. Als Spezialität wird Roggenpizza genannt, es gibt die unsterblichen Nudelgerichte. Und eine Tageskarte! Meist ein gutes Zeichen.

Allerdings ergibt sich aus dieser Karte auch, dass Trüffelöl verwendet wird, ein weniger gutes Zeichen, denn über diese nichtsnutzige Chemikalie sind gute Köche lange hinweg. Ich habe drumherum bestellt, was kein Problem darstellte, und bin beim unsterblichen Klassiker gelandet, dem Vitello tonnato: schön rosiges Fleisch mit ausdrucksstarker Soße und nicht zu viel Grünzeug. Ganz ähnlich aufgebaut war das Carpaccio vom Thunfisch mit rosa Pfeffer und frischem Ingwer, eine gute Kombination, die mit etwas Nachhilfe aus dem Salzstreuer noch gewann; das rituelle, auch hier innig gepflegte Mühlengepfeffer konnten wir gerade noch abwehren. Als gute Alternative zu den flachgeklopften kalten Vorspeisen erwiesen sich die Moscardini, winzige Tintenfische in einer angenehm geschärften Tomatensuppe.

Beim Betrachten der Hauptgerichte auf der Karte fiel mir auf, dass sich das Angebot auf der Website ein wenig lebhafter las, aber das mag eine Blickverzerrung gewesen sein. Das Thunfischfilet in schwarzem Sesam mit allerhand buntem Gemüse blieb ein wenig zäh und dröge, obwohl es durchaus vorschriftsmäßig rosa gegart war, da eignen sich moderne Garmethoden allemal besser als das schlichte Braten. Und irgendeine Soße hätte sicher nicht geschadet.

Gut schmeckten die Streifen von der Rindstagliata auf Rucola, in ein wenig dezente Soße eingehüllt, und die hausgemachten Tagliatelle mit Lammragout wirkten, ja, sagen wir: normal angesichts eines doch sehr gehobenen Preises von 16 Euro. Gerade solche einfachen Klassiker trennen die kulinarische Spreu vom Weizen ... Gutes Dessert: Das Kaffee-Trio mit Creme brulée, Eisparfait und einem leichten Kuchen (Vorspeisen um 13, Hauptgerichte um 23 Euro).

Von der sehr winzigen Weinkarte, die leider weder Erzeuger noch Jahrgänge angibt, bestellten wir einen sizilianischen Sauvignon blanc, der seine 27 Euro wert war, allerdings sollte die Crew gerade bei diesem Thema noch daran arbeiten, die Realität mit der schnittigen Selbstdarstellung besser in Einklang zu bringen.

Was war das nun? Ich habe mich dort nicht unwohl gefühlt, es ist eine angenehme Einkehr im sehr gemischten Kneipengewusel um den Savignyplatz mit guter Küche. Andererseits muss man nur ein paar Schritte gehen, um jene herausragenden Gerichte zu finden, die den Köchen im „Cross“ vermutlich vorschweben: Die „Osteria Centrale“ in der Bleibtreustraße 51 zeigt, wie man so etwas auf ähnlichem Preisniveau durch präzises, puristisches Handwerk um Größenordnungen besser machen kann. Und auch das Weinangebot trennt das Original von der Imitation ...

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