Von TISCH zu TISCH : Enoteca Folgore

Besuch bei einem Eckpfeiler der Ludwigkirchplatz-Gastronomie. Wie schmecken hier wohl Wildschweinfilet und Spinatravioli?

Bernd Matthies
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Enoteca Folgore. Pfalzburger Straße 11, Wilmersdorf, täglich 17-24 Uhr.Foto: promo

Nichts tröstet die Seele des eingeborenen West-Berliners so sehr wie ein Einkaufs- und Kneipenbummel rund um den Ludwigkirchplatz, wo die Zeit auf so anmutig noble Weise stehen geblieben ist. Kein Rummel wie am Kollwitzplatz, kein aufgeregter Hype wie in der Simon-Dach-Straße. Sondern nur gelassene, solvente Bürgerlichkeit, Leute, die nicht lange sinnieren müssen, wenn man sie nach dem besten Fleischer oder Käsehändler der Stadt fragt – der ist im Zweifel gleich um die nächste Ecke.

Was die Restaurants betrifft, ist die Kehrseite dieser Gelassenheit eine gewisse Unbeweglichkeit, um nicht zu sagen: Langeweile. Es ändert sich wenig bis nichts, die Köche altern mit ihren Gästen, und die sind zufrieden damit, wenn alles so ist wie immer. Ein Eckpfeiler der Ludwigkirchplatz-Gastronomie ist die sehr angenehm eingerichtete, familiäre „Enoteca Folgore“, die ich nach einem enttäuschenden Besuch vor einigen Jahren erst einmal aus meiner Kann-man-mal-hingehen-Liste gestrichen hatte. Seither ist die Tageskarte, wenn ich mich richtig erinnere, zu Lasten der Standardkarte gewachsen, was meist ein gutes Zeichen ist. Und das Weinangebot rechtfertigt den Namen „Enoteca“ jetzt doch in hohem Maße, wenn auch die Preise recht hoch sind: Lageders guter weißer „Portico di Leoni“ etwa kostet 39 Euro, das könnte man günstiger verkaufen.

Die Qualität des Essens pendelt zwischen gut und enttäuschend. Hinten in der Küche donnert und rappelt es, es wird gut hörbar gearbeitet, und deshalb habe ich nicht ganz verstanden, weshalb wir auf die banalen marinierten Sardinen (mit trockenen Salatblättern) und die nett zarten, gut gewürzten Calamaretti mit massiver Knoblauchdröhnung und Rucola fast eine Dreiviertelstunde warten mussten. Das war schon deswegen blöd, weil es hier zwar herausragend gutes Ciabatta gibt, aber nicht einmal etwas Olivenöl, geschweige denn ein paar Oliven oder andere Kleinigkeiten vornweg – ziemlich geizig angesichts des gehobenen Preisniveaus.

Am besten geraten hier zweifellos die Nudelgerichte (um 13 Euro): Die Mezzelune mit dezenter Artischockenfüllung, Estragon und Weißweinsahne schmeckten ebenso gut wie die Spinatravioli mit Salami, Chili und Tomate – dafür lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall. Die Hauptgänge kommen nach alter Sitte mit den üblichen Contorni, also mehr oder weniger lieblos in Salzwasser gekochten Gemüsen, das muss man vorher wissen und akzeptieren.

Gut gelang beispielsweise die Dorade in Salzkruste, die routiniert filetiert und vorgelegt wurde; etwas zäh wie meist war das Wildschweinfilet mit angenehm süßlicher Dattelsauce (Hauptgänge um 20 Euro). Von den Desserts würde ich dringend abraten, denn wir zogen mit einem harten, kaum gesüßten und schnapsigen Mandel-Halbgefrorenen ebenso eine Niete wie mit der „Papaya à la chef“, die ausgehöhlt und mit hart geschmurgelten Papaya-Würfeln und Schokoladeneis gefüllt war.

Hier ist noch was für Raucher: Das Restaurant hat vorn einen abgetrennten Raucherbereich, der etwa die Hälfte der Fläche ausmacht und jedenfalls gemütlicher ist als die üblichen Ausweich-Zelte im Garten. Mich werden Sie dort nicht antreffen – aber es mag den einen oder anderen Süchtigen trotzdem interessieren, nicht wahr?

Enoteca Folgore, Pfalzburger Straße 11, Wilmersdorf, Tel. 88 92 08 69, täglich 17-24 Uhr.


Da wir gerade bei West-Berlin waren: In diesem Ökotop galt vor etwa 25 Jahren das „Savoia“ in der Windscheidstraße in Charlottenburg als bester Italiener. Patron Francesco di Giorgio ist nun mit dem „Al Fresco“ in der Kantstraße aus der Versenkung aufgetaucht – und kocht exakt, was er damals gekocht hat, einfache Vorspeisen, Tagliatelle mit Filetspitzen, gemischten Fischteller. Das ist, streng genommen, so wenig auf der Höhe der Zeit wie die gruselige Einrichtung und die sehr einfachen Weine, mag aber Nostalgiker mit Sinn für kulinarische Historie trotzdem interessieren. Bambini, wie die Zeit vergeht. . .

Al Fresco, Kantstraße 71, Charlottenburg, Telefon 31 51 77 88, täglich außer Sonntag ab 13 Uhr.

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