Essen & Trinken : Von Tisch zu Tisch: Europa in Charlottenburg

Elisabeth Binder

Der Name klingt ein bisschen unoriginell. Es wird sich hier ja kaum um das Lokal zu den neuen Münzen und Scheinen handeln. Von außen sieht das "Europa", so rot und warm leuchtend, immerhin ganz heimelig aus. Und auch die Einrichtung mit hellem Holz und hübschen Kissen wirkt sehr einladend. Dass auf dem Stuhl am Fenster eine rot leuchtende Decke lag, hatte allerdings nicht nur dekorative Gründe; es zog wie Hechtsuppe. Europa ist also rothölzern und wird, wie im richtigen Leben, von einer Männercrew betrieben, die von einer durchaus positiven Detailverliebtheit geleitet wird. Blassrote Rosen überall im Raum verteilt, Kerzen in silbernen Haltern zwar nicht auf jedem Tisch, aber immerhin auf manchen, frischgestärkte Servietten mit silbernen Bändern zusammengehalten: das zeigt so eine selbst gezimmerte Bistroeleganz, die ganz nett sein kann.

Das Publikum war passend dazu in reiferen Jahren, um uns herum sahen wir vor allem die erbleichte Haarpracht der ganz frühen Forever-Young-Generation. Die Karte war enttäuschend klein. Ich hätte mir allermindestens aus den Euroländern jeweils ein Gericht gewünscht. Stattdessen Tomatensuppe mit Basilikumschmand, Lauchcremesuppe, Wiener (Gähn!) Schnitzel und Penne und Scampi. Armes kleines Europa. Es gibt allerdings tatsächlich einen offenen Champagner (7 Euro), und der ist sogar gut. Frankreichs Ehre gerettet. Dieser gute Eindruck setzt sich fort bei anderen Getränken wie dem Sancerre (25 Euro). Als Appetitanreger gibt es Baguette mit Frühlingsquark und rotem Pfeffer.

Vorweg probierten wir die Crostini, von denen drei verschiedene Sorten offeriert wurden. Auf einem Brotrund befand sich eine nicht mal enthäutete Tomate, über-backen mit Käse, das sah nicht raffiniert aus und schmeckte auch nicht so. Mein Begleiter war vom Anblick schon so enttäuscht, dass er sich lieber auf die beiden dünn mit frischem Käse bestrichenen und mit rotem Pfeffer, beziehungsweise Lauch bestreuten Exemplare kaprizierte, wobei das mit dem Pfeffer ganz okay war (6,50 Euro).

Ein bisschen gute Laune war an dieser Stelle auch dringend vonnöten, denn die Missbilligung meines Begleiters aus dem höchst europafreundlichen Blankenese kannte keine Grenzen, als ich mir ausgerechnet die asiatische Gemüsepfanne aussuchte. Was soll ich sagen? Europas Schwan schlug sich auf seine Seite und sorgte von den Höhen des Olymp dafür, dass ich meine Wahl bitter bereute. Das Gericht bestand überwiegend aus Bohnen, dazu machten einige Paprika-, Zwiebel-, Zucchini- und Möhrenwürfel in der trüben Bratensauce ihre lustlosen Schwimmübungen und als Krönung waren obendrauf Scheiben fettiger, unkrosser Entenbrust gepackt. Dazu gelber Basmatireis (13 Euro). Der Koch sollte bei seinen europäischen Leisten bleiben: Die Dorade Royale meines Begleiters trug stolz noch Kopf und Schwanz, und es fand sich auch niemand zum Filetieren; ansonsten war sie sehr saftig, fest und von gutem Geschmack mit schöner Zitronen-Kapernbutter, interessant geschmortem Römersalat und guten Kartoffeln (18 Euro).

Zum Dessert hatten wir die Wahl zwischen Apfelstrudel und Zitronen-Joghurt-Parfait, das allerdings auf dem Nachbartisch so dick geschnitten, hellgelb glänzend nicht so verlockend aussah. Also die Rohmilch-Käse-Auswahl. Da wir innerhalb von wenigen Minuten von den beiden vorhandenen Obern nach unserer Wahl gefragt wurden, sagten wir das auch artig, wobei der eine hinterher furchtbar beleidigt geltend machte, dass wir nur ihm unsere Wahl hätten anvertrauen dürfen, nun habe man alles doppelt bestellt. Dem selben Kellner war nicht klar, dass man Wein beim Probierschluck präsentiert; unsere Frage nach dem Jahrgang nahm er zum Anlass, die Flasche später nochmal herbeizutragen, um zu demonstrieren, dass es wirklich der richtige Wein war. Es gab vier kleine Stückchen Käse auf losem Kümmel, allerdings nichts, was man nach einem samstäglichen Einkauf im KaDeWe oder bei Lafayette nicht noch im Kühlschrank vorgefunden hätte (4,50 Euro).

Ich bin sicher, dass die Betreiber ihr Lokal unendlich toll finden und, sollten sie dies lesen, auch ein bisschen beleidigt sind. Aber ich kann mir nicht helfen: Es gibt noch einiges zu verbessern. Vor allem am Herd.

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