Von TISCH zu TISCH : Europa

Zarter Lachs und zähes Rumpsteak

Elisabeth Binder

Europa, Leibnizstraße 31, Charlottenburg, Tel. 318 064 96, täglich außer sonn- und feiertags ab 18 Uhr. Foto: Mike Wolff

Rote Bänke, rote Kissen, rote Decken: Die Inneneinrichtung provoziert Stiere seit Jahren. Helles Holz, Lichtinstallationen aus dem Möbelhaus für Anspruchsvolle, von silbernen seidigen Schleifen umrollte weiße Stoffservietten auf gestärkten Tischtüchern verbreiten eine moderne Behaglichkeit, umrahmt von gut gefüllten Flaschenregalen. Draußen gibt es auch noch eine Sommerterrasse auf dem Gehsteig.

Die guten Getränke sind nach wie vor eine Stärke des Restaurants „Europa“, dessen Name trotz des Stiers auf der Visitenkarte immer noch ein bisschen bürokratisch müde klingt, aber egal. Dem sehr guten, eiskalt moussierenden Prosecco (4,50 Euro) können die suboptimalen Gläser nichts anhaben. Der offene Sangiovese (0,5 l für 13 Euro) leuchtet blutrot in der Halbliterkaraffe und schmeckt schön fruchtig nach Waldbeeren. Ein Gast, der auf so angenehme Weise rot sieht, wird seine Hörner gerne einklappen und sich behaglich seufzend zurücklehnen. Der offene Rheingau Riesling (0,2 l für 5,50 Euro) wirbt mit eleganter Fruchtsäure erfolgreich um Fans, und der weiße Bordeaux (0,2 l für 4 Euro) schmeichelt sich trotz seiner feinen Herkunft eher spielerisch als Essensbegleiter ein. Und um das gleich noch vorweg zu nehmen, egal wie viel Glück oder Pech man mit der Zusammenstellung seines Menüs hatte: Die extrafruchtigen Digestifs am Ende sind ein Muss, ob Mirabelle oder Framboise, die sind für 4,60 Euro auch was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft, ein Gedicht. Eine nette und diskrete Gastgeberin managt den ganzen Raum aufmerksam, aber unaufdringlich.

Los geht es mit gutem, fast an Kuchen gemahnenden Zwiebelbrot und dagegen etwas abfallendem Baguette und Kräuterquark. Ein Höhepunkt kommt gleich am Anfang mit der ganz und gar unholzigen, prachtvollen Artischocke, deren Blätter in vorzüglichen Senf-Estragon-Dip getaucht werden können (8,50 Euro). Auch die zweite Vorspeise ist exzellent: ein kleiner, feiner Röstitaler mit einer großzügigen Portion Ketakaviar begleitet sahniges Matjestatar und zarte Tranchen vom gut gebeizten Lachs. Da möchte man geradezu nach mehr schreien (12,50 Euro).

So hoch die Küche bei den Vorspeisen fliegt, so tief stürzt sie ab bei der einen Hauptspeise. Das Rumpsteak war so zäh und sehnig, dass schon das Schneiden zur Kraftprobe wurde. Vermutlich war einfach das Fleisch nicht von der Qualität, die es in einem gehobenen Restaurant haben sollte. Dazu gab es freilich guten Salat und Kartoffeln mit Pfifferlingen in Rahmsauce (18 Euro). Vielleicht hätten wir vorab fragen sollen, ob das Steak wirklich zu empfehlen ist. Besser war die Kohlroulade für Edel-Europäer. Der „Spitzkohl mit Kalbfleisch und Pfifferlingen“ ist mit wohlschmeckendem Hackfleisch und leider nur wenig Pfifferlingen ganz achtbar gefüllt. Dazu gibt es ein mächtiges Kartoffel-Sellerie-Püree (13,50 Euro).

Insgesamt ist das Programm mit Linguine und Schweinefilet, Entenbrust in Trüffelsauce und Wiener Schnitzel nicht übermäßig originell, es orientiert sich eher am soliden Geschmack eines bürgerlich mittelalterlichen Publikums, was vermutlich ganz vernünftig ist. Zum Nachtisch gibt es Sorbet, das noch einmal den hier erfreulich ausgeprägten Hang zum authentisch Fruchtigen unter Beweis stellt. Sowohl die rote Himbeere wie auch die gelbe Mango schmecken zuverlässig intensiv nach ihren Namensgebern.

Vielleicht trägt gerade die kleine Prise Langeweile verbunden mit der maßvoll ambitionierten Atmosphäre zum Erfolg des Lokals bei. Hier kann man sich entspannen von der gnadenlosen Perfektion der Künstler-Köche und dem hippen Trubel der In-Lokale. „Europa“ ist in seinem kulinarischen Auftritt genauso menschlich, wie man sich an den wechselvolleren Tagen des Lebens selber fühlt.

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