Von TISCH zu TISCH : Gabriele

Italo-Pop zu Sterne-Preisen

Bernd Matthies

Gabriele, Behrenstraße 72, Mitte, Telefon: 20 62 86 10. Tägl. außer Mo. ab 18.30 Uhr, www.gabriele-restaurant.de.Foto: Heinrich

Berlin hat neuerdings ein Zwei-Sterne-Restaurant und ist nach Sternen und Punkten unangefochten die kulinarische Hauptstadt des Landes. Da müsste also noch mehr gehen, oder? Es müssten Köche von auswärts kommen, müssten neue Restaurants gründen ohne Rücksicht auf die Kosten, einfach weil es voran geht.

Soweit die Theorie. Ich bin jetzt aber doch etwas baff, dass das neue „Gabriele“ hinten am Adlon gleich mit einem Langustengericht für 79 Euro die Preisführerschaft an sich zu reißen versucht und auch sonst mit Vorspeisen bis 30 und Hauptgängen um 40 Euro dort einsteigt, wo die Top-Restaurants der Stadt gerade eben so angekommen sind. Entweder hält der Chef, der aus Rottach-Egern zugereist ist, Berlin für eine Art München, nur größer und reicher. Oder die Gäste müssen einfach die Zinsen für die enorm aufwendige Einrichtung abtragen.

Man sitzt angenehm an großen, gut beleuchteten Tischen, fühlt sich wohl auf bequemen Stühlen, allerdings zieht es von der Glasfassade ziemlich kalt rein. Der Chef begrüßt jeden Gast mit Handschlag in akzentfreiem Trapattonisch, und die aufmerksamen Kellner schwenken die riesigen Pfeffermühlen mit Grandezza; wer diese Show noch braucht, wird sich wohlfühlen. Der Stilbruch zwischen dem edlen amerikanischen „Mid Century Design“ und dem platt lärmenden Italo-Pop aus den Lautsprechern schmerzt dennoch.

Ja, das Essen. Seltsam. Alarmierend das Amuse gueule, ein paar grobschlächtig abgesäbelte Stücke von Mortadella, Parmaschinken und Parmesan – das ist der Stil der Weinbar an der Ecke. Immerhin: Es gibts fürs Geld gute Produkte, beispielsweise eine große, teure Garnele („Carabinero“) auf dem Meeresfrüchtesalat. Doch der war überhaupt kein Salat, sondern hätte eher den Namen „Meeresfrüchte in Tomatensauce“ verdient. Weshalb es nötig war, das Seezungenfilet mit Mohn zu bekrümeln, erschloss sich uns nicht. Viel stimmiger gelang das aromatische, meeresfrische Langustinen-Carpaccio, roh auf einem heißen Teller angerichtet und mit zwei halben gebratenen Jacobsmuscheln garniert.

Eher missraten dagegen die Ravioli in Dreieicksform mit Kürbisfüllung und Kürbissauce: süßliches Gemengsel für Zahnlose ohne Biss und Kontur. Auch der Kombination von gebratener Gänseleber und einem Klops aus Schweinsfuß und Schweinefleisch in eben jener Sauce konnten wir wenig abgewinnen, da die Leber kalt an den Tisch kam. Die als Ausgleich nachgereichte Gänseleber in Granatapfelsauce war dann so scharf angebraten, dass die Bittertöne überwogen.

Schließlich Seezungenfilets, gebraten, mit einem anständig gemachten Limettenrisotto, gehobene italienische Küche, wie sie in Berlin nur auf diesem Preisniveau neu ist. Aus dem Rahmen fiel das Perlhuhnfilet – sehr kleine Menü-Portion – mit einer würzigen Sauce aus Granatäpfeln und Senffrüchten auf einem von Rosmarin dominierten Kräuterbett, eine eigenständige Schöpfung, die zumindest Ansätze von Originalität erkennen ließ. Der Dessertteller landete mit Tiramisu, Panna Cotta und einem herben Schokokuchen wieder voll im Klischee, handwerklich nicht schlecht gemacht, stilistisch mega-banal.

Auf der Weinkarte stehen die italienischen Klassiker von Lageder bis Planeta in guter Auswahl, das ist ebenfalls recht unoriginell, aber immerhin vertretbar kalkuliert: Der stets gute Löwengang Chardonnay von Lageder kostet 55 Euro. Ulkig, dass der Service zum Aperitif die Wahl zwischen Prosecco (bäh!) und Champagner lässt – und dann statt Champagner guten Spumante (10 Euro) serviert. Wir wollen mal hoffen, dass das eher auf Mangel an Selbstbewusstsein deutet als auf böse Absichten. . .

Was soll das werden? Mittelprächtige, teilweise linkische Italo-Küche zum Michelin-Stern-Preis, das mag in Rottach-Egern durchgehen. In Berlin sehe ich dafür keinen Markt. Das reißt auch der Handkuss des Patrons nicht raus. Er sollte für den Anfang wenigstens darauf verzichten, Diskussionen mit seinem Oberkellner kettenrauchend mitten im Restaurant zu führen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar