Von TISCH zu TISCH : Herr Rossi

Tagliata vom Kalbsrücken mit Rucola-Salat.

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Herr Rossi, Winsstraße 11, Prenzlauer Berg, Tel. 53061077, geöffnet dienstags bis samstags 18 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Herr Rossi, Winsstraße 11, Prenzlauer Berg, Tel. 53061077, geöffnet dienstags bis samstags 18 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Rossi sucht das Glück diesmal in Prenzlauer Berg. Dort ist ein kleines italienisches Lokal nach der von Bruno Bozzetto erfundenen Zeichentrickfigur benannt, die dem freudlosen Alltag entflieht und an der Seite des sprechenden Hundes Gastone durch Raum und Zeit reist.

Alltagsgefühl beschert das Restaurant seinen Gästen durch die Einrichtung: hölzerne Tische und Regale sowie eine Wohnzimmerecke im Stil der nuller Jahre, inklusive etwas mitgenommener Sessel. Damals kultivierte man räumliches Avantgardebewusstsein in dieser Gegend der Stadt gern mit Wohnzitaten aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Mittlerweile kratzt das nach meinem Gefühl schon wieder am Spießigen, ist hier aber trotz des doch recht offensiven Teppichmusters gerade noch erträglich.

Das gilt besonders auch deshalb, weil eine Vitrine mit den erfreulichsten Köstlichkeiten die Holzlandschaft durchbricht. Ihr stolzer Verwalter geizt auch nicht mit Auskünften über seine Schätze, besonders die Käsesorten. Er ist sichtlich stolz auf den cremig vorzüglichen Perla, die beiden Pecorino-Laibe, bekennt sich dann aber auch freimütig zum französischen Brillat Savarin.

Wir saßen an einem warmen Abend draußen vor der Tür auf dem restlos ausgebuchten Pflasterstrand zwischen Windlichtern in feuersicheren weißen Brötchentütenimitaten und labten uns wegen der Temperaturen zunächst mal an der erstaunlichen Weinkarte. Die beschränkt sich nämlich nicht, wie es der Nationalstolz den Italienern so oft gebietet, auf Chianti und Co, sondern hat auch eine ganz gekonnt zusammengestellte Kollektion guter deutscher Weine zu bieten. Wobei der Pfälzer Rieslingsekt zum Auftakt wegen seiner ausgeprägten, fast ins Liebliche abschweifenden Fruchtigkeit in uns sofort Sehnsucht nach dem preiswerteren Prosecco weckte. Der saubere offene Grauburgunder von Salwey im Kaiserstuhl (0,5 l zu 12 Euro) und der süffige Spätburgunder vom selben Erzeuger (0,2 l zu 5 Euro) passten jedenfalls stilistisch ausgezeichnet zu den Speisen.

Das Antipastibrett identifizierten wir rasch als Muss-Vorspeise. So ein Brett reicht locker für zwei, wenn man auch noch Hauptspeisen probieren will, und das sollte man. Viermal Käse aus der Vitrine, eine Sorte leckerer als die andere, zarter Schinken, würzige Salami, hauchdünn geschnittene Mortadella, sehr feine Artischockenviertel und Miniaturoliven, kleine Rotweinzwiebeln, einige goldbraune Pfifferlinge, ausgesuchte Cherrytomaten (9,70 Euro). Dazu gab es zweierlei Brotsorten, die eine mit Kräutern bedeckt und mit Olivenöl beträufelt. Das war ein klares Statement für Qualitätsbewusstsein. Erinnerungen wurden wach an die Frühzeit des „Il Calice“, das anfangs ähnlich gute Qualität zu bezahlbaren Preisen bot und erst später bei den Rechnungen mächtig losheizte.

Die kleine Karte offerierte neben drei Pasta-Varianten überhaupt nur zwei Hauptgerichte, aber die waren erkennbar mit Liebe gemacht. Die zart gegarte Perlhuhnbrust aus dem Ofen hatte durch ihre Füllung aus Mandeln und Parmesankäse einen eigenen Charakter gewonnen, auf die etwas grobschlächtigen Mangoldblätter und die grünen Bohnen im Speckmantel dazu hätten wir verzichten können, nicht aber auf die reichlich dosierten, auch optisch ansehnlichen Pfifferlinge und das aparte gelbgrüne Fencheltörtchen (18,50 Euro).

Die Tagliata vom Kalbsrücken beeindruckte ebenfalls auf den ersten Blick; ein Fächer rosig gegarten Kalbfleischs, der auch genauso saftig schmeckte, wie er aussah. Dieser Fächer ruhte auf einem Bett aus kongenial gewürzten Steinpilzen. Dazu gab es einwandfreien RucolaSalat mit Cherrytomaten und dicken Parmesanspänen obenauf (22 Euro).

Beim Nachtisch schwächelte die Küche leider, die Erdbeersauce über der kalten Panna Cotta im Glas war ohne eigenen Pfiff. Was uns hingegen angenehm auffiel: der flinke und tatsächlich auch mal ausreichend vorhandene freundliche Service.

Der Oscar in der Kategorie nettes Nachbarschaftsrestaurant geht heute an Herrn Rossi.

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