Von Tisch zu Tisch : Karagiosis

Dorade mit Zitronenbackkartoffeln

Elisabeth Binder

Als wir uns das Karagiosis im Frühjahr 1989 zum ersten Mal anschauten, lag es aus West-Berliner Sicht durchaus zentral. Damals kam uns der Grieche am Klausener Platz sehr modern vor, hell und freundlich eingerichtet, mit Tischen und Stühlen vor der Tür, mit Kunst an hellen Wänden.

Manchmal muss man zurückkehren, um zu begreifen, wie sehr sich die Welt geändert hat. Ein bisschen wirkt es hier, als sei die Zeit stehen geblieben, als sei der kleine Grieche um die Ecke immer noch das bevorzugte Ziel für ein Essen außerhalb der eigenen vier Wände. Man wird herzlich und freundlich empfangen, schnell wird ein Tisch improvisiert, es ist immer noch voll hier, und die Patina, die sich über das freundliche Ambiente gelegt hat, wirkt nicht unangenehm.

Die Weine sind besser geworden. Der harzige Retsina milder, der weiße Hauswein leichter, fruchtiger, der rote voller und samtiger (jeweils 0,25 l für 3,50 Euro). Manchmal zeigt die Erde in Nuancen, dass sie sich dreht, hier eben in der Qualität der einfachen offenen Tischweine, die auch bei großzügigem Konsum jeden Kopfschmerzverdacht empört von sich weisen.

Vielleicht ist das Tsatsiki weniger scharf als früher, vielleicht hat aber auch nur die herrschende Chili-Mode unsere Geschmacksnerven gestählt. Die Portion ist mit Gurkenscheiben angereichert, dazu gibt es frisches Brot, von der sesamhaltigen Art, wie es bei vielen Griechen serviert wird (3,40 Euro).

Besser vielleicht, man nimmt gleich die kleine Vorspeisenplatte (7,70 Euro), da gibt es neben Tsatsiki noch rosa Fischrogencreme, in der grüne Peperoni stecken, Dolmades, Blattspinat in Knoblauchjoghurt, weiße Bohnen und Hummus. Was es im Einzelnen ist, hängt vermutlich von der Tagesform ab, es wird jedenfalls nicht vorab verraten.

Die Menüfolge ging angenehm rasch über die Bühne. Allerdings trugen die Baby-Calamares schwer an der dicken Panade, solche Bürden sollte man Babys eigentlich nicht auferlegen. Dazu gab es noch einmal Tsatsiki und einen gemischten Salat, wie er typisch ist: leichtes unkompliziertes Dressing, Eisberg, Gurke, Kraut, Olive, Tomate. Schmeckt aber immer noch gut (9,50 Euro).

Da das Tagesgericht gerade ausgegangen war, probierten wir die Dorade, die im Ganzen kam, nicht sehr groß war und in Eigenregie auseinandergenommen werden musste. Dafür war sie allerdings saftig und frisch. Dazu ein Berg Zitronenbackkartoffeln in einer Extraschüssel. Die Karte enthält nach wie vor die wichtigsten Standards, dazu eine erfreulich große Auswahl vegetarischer Gerichte, wie gegrillte Artischockenherzen mit verschiedenen Saucen. Das scheint mir das wichtigste Zugeständnis an die Moderne zu sein.

Auch zum Nachtisch gibt es die bewährten Klassiker wie den griechischen Joghurt mit Walnüssen und Honig (2,50 Euro) oder das süße Sesamdessert Halvas, das wie seit eh und je in Würfel geschnitten und mit Zimt bestreut auf einem kleinen Teller in Begleitung einer viertel Zitrone erscheint. Manchmal hat Kontinuität auch was sehr Rührendes. Die wird fortgesetzt mit dem Ouzo, der „aufs Haus“ mit der Rechnung serviert wird.

Die hippe Mitte scheint hier Lichtjahre entfernt, auch auf den Toiletten, die so eng sind, dass man sich kaum hineintraut. An die architektonisch fantasievoll gestalteten Waschraumwelten in den Trend-Restaurants erinnert hier gar nichts, allenfalls der außen angebrachte Ständer mit den Gratispostkarten.

Eine vorübergehende Magenschwere, die sich auf dem Weg nach Haus kurz spürbar machte, erinnerte auch an die frühen Besuche bei Griechen. Das ist nicht weiter schlimm, aber inzwischen scheinen die Magenwände doch verweichlicht zu sein von den schonenden Garküchen ambitionierter fernöstlicher Restaurants, die großen Portionen kalorienreicherer Gerichte abgeschworen haben.

Trotzdem. Es ist auch mal schön, wenn Lokale mehr oder weniger bleiben wie sie sind. Vorsichtige Modernisierungen werden allerdings auch in Kiez-Restaurants geschätzt. Nur unmerklich müssen sie sein, dürfen sich aber gern in dem modernen Gefühl der Schwerelosigkeit nach dem Essen manifestieren. Mögen die sauberen Weine als Vorbild dienen.

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