Von TISCH zu TISCH : Katz Orange

Brokkolisalat mit Salzpflaumen.

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Katz Orange, Bergstraße 22, Mitte, Tel. 983 208 430, Di-Fr 11.30-14 und ab 18 Uhr, Sa ab 18 Uhr geöffnet. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Katz Orange, Bergstraße 22, Mitte, Tel. 983 208 430, Di-Fr 11.30-14 und ab 18 Uhr, Sa ab 18 Uhr geöffnet. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als das sehr westberlinische Restaurant „Maxwell“ nach Stationen in Kreuzberg und Wilmersdorf 1995 in die ehemalige Josty-Brauerei in Mitte zog, war das ein Signal. Der Osten Berlins schien reif für Kunst, Kultur, Architektur und Genuss, und die klassisch karg ausgestalteten Räume standen für diesen Trend. Leider hat die Küche diesen Anspruch auf Dauer nicht umsetzen können, versank im Mainstream – und im August letzten Jahres war Schluss.

Der Nachfolger in den Maxwell-Räumen ist das „Katz Orange“. Ich habe den Eindruck, dass auch dieses Restaurant für irgendetwas steht, allerdings weiß ich noch nicht, was das sein könnte. In Veröffentlichungen ist viel von Spiritualität die Rede, der Betreiber hatte angeblich in Südamerika eine prägende Begegnung mit einer orangefarbenen Katze – und deshalb fängt nun in dem einst coolen Architektentreff allerhand Trödel südamerikanischer Herkunft den Staub auf. Käme John Travolta herein, würde man vermutlich das Weite suchen aus Angst, in „Pulp Fiction 2“ hineingeraten zu sein.

Nun ist das alles Geschmackssache und möglicherweise der nächste knallheiße Großtrend, aber dann stelle ich mir diesen Trend doch so vor, dass ich nicht auf einem wackligen Sperrmüllstuhl sitzen und den Service bitten muss, eine Serviette unter den ebenfalls wackelnden Tisch zu klemmen. Die Arbeitssprache ist eher Englisch als Deutsch, na schön, die Speisekartenblätter werden mit gebogenen Löffeln auf einer Wellpappe festgeklemmt, und als Weinkühler dienen blecherne Scheuereimer. Oh, lässig!

Gehen wir zum Essen über, für das angeblich zwei Ehemalige aus Tim Raues Truppe zuständig sind. Ein Dutzend Gerichte, sogenannte Klassiker eingeschlossen, das ist alles, wobei ein Stil nicht erkennbar ist, der von Raue schon gar nicht; alles soll bio sein oder zumindest von nett behandelten Tieren kommen. Unser Hummersalat bestand aus vier Scheren und keinem Schwanzstück, mit etwas Grapefruit, Salat und einer Passionsfruchtvinaigrette nett angerichtet (16 Euro). Roher Brokkoli kam als Salat mit etwas grünem Püree, eingelegten Salzpflaumen, Rauchmandeln und Nektarinenscheiben – auch hier das ganz gelungene Bemühen, einer simplen Sache durch originelle Beigaben modernen Anstrich zu geben (11 Euro).

Am besten gefiel uns das große, saftige Zanderstück mit Radieschen und Lauch in einem süß-sauren Zwiebelsud sowie einer Reispapierrolle, die auf asiatische Art mit rohen Gemüsen gefüllt war (24 Euro). Am schlechtesten war das „geschmorte Linumer Wiesenkalb“, zwei große dröge Stücke, die penetrant nach einer Gewürzmarinade rochen, wie man sie früher bei Wild eingesetzt hat. Statt des eigentlich zu erwartenden Schmorfonds, der wohl wegen Konvektomat-Garung gar nicht erst entstanden war, lag ein Hauch von Basilikumsauce drüber, dazu gab es ein diffuses Gemengsel von Artischocken, Brotwürfeln und Trauben (24 Euro). Braucht man nicht.

Zwei Desserts standen auf der Karte. Wir probierten Erdbeersalat (hergestellt aus knapp einer Erdbeere) mit grüner Tomatenmarmelade sowie Essig-Karamell-Eis und Büffelricotta, außerdem Lemon Pie mit Baiser, Tequila-Eis und salzigen Kumquats, beides schmeckte insgesamt wesentlich weniger exotisch, als es sich las (je 8 Euro). Petits fours hätten wir zusätzlich gegen Aufpreis bestellen können, ein Amuse-Gueule gab es nicht, aber gutes Brot von „SoLuna“.

Auch in der Weinkarte ist die Handschrift eines guten Lieferanten spürbar, denn die Auswahl kommt aus der ganzen Welt, ohne Allerweltscharakter zu haben, man möchte sehr vieles davon probieren. Allerdings ist die Karte ziemlich angestrengt in viele Kategorien unterteilt worden, was sie extrem unübersichtlich macht (Auxerrois von Klumpp, Baden, 33 Euro).

Die Grundidee ist mir im Verlauf des Essens einigermaßen klar geworden. Es soll was ganz Lockeres sein, mit hemdsärmlig-freundlichem, aber bloß nicht zu professionellem Service, sozusagen die handgestrickte Kuschelvariante zu alt-coolen Plätzen wie dem „Grill Royal“. Ob das auf Dauer funktioniert?

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