Von TISCH zu TISCH : L’Angolino

Spinatsalat mit Schinkenspeck

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Enoteca L’Angolino, Knesebeckstr. 92, Charlottenburg, Tel. 887 136 30, täglich außer sonntags ab 12 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Enoteca L’Angolino, Knesebeckstr. 92, Charlottenburg, Tel. 887 136 30, täglich außer sonntags ab 12 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Engelchen ist der kleine Ableger der Enoteca „Il Calice“, die schon vor dem Umzug aus der Giesebrechtstraße zum Walter-Benjamin-Platz einen wachsenden Fankreis aus Weinfreunden anzog. Das merkt man sofort am Stil. Auch hier werden die offenen Flaschen auf den Tisch gestellt, selbst wenn man nur ein Glas bestellt hat. Auch hier lockt eine Vitrine mit Antipasti, die man zur Not mitnehmen kann. Und Tajer Traditionale, das Brett mit kalten Vorspeisen, ist auch hier Spezialität des Hauses, bester Bragato-Stil also, obwohl sich die Einrichtung des kleinen würfelförmigen Raumes vergleichsweise bescheiden ausnimmt.

Die Beratung ist individuell und freundlich. Alles wird frisch zubereitet. Die gebratenen Artischocken sind gerade fertig und köstlich, warm, leicht mit Knoblauch und Gewürzen angemacht. Der Salat von jungem Spinat mit Cherrytomaten kommt als Riesenportion, vielleicht weil es gerade so leer war? Darüber sind zudem mächtig viele Schinkenspeckfetzen und Parmesanhobel gestreut, nur die Pinienkerne sind etwas unterrepräsentiert (9 Euro). Leichter ist die köstliche Minestrone, die Gemüsewürfel sind bissfest gekocht und haben jenen frühlingshaften Eigengeschmack behalten, der auf eine exzellente Herkunft schließen lässt (6 Euro).

„Tajer Speciale“ gibt es nur für zwei Personen, aber das ist natürlich genau das Richtige zum Wein: Auf einem Teller sind eingelegte Gemüse angerichtet, sehr schöne Zwiebeln, Paprika, Zucchini, Auberginen. Das Brett selbst ist geradezu prunkvoll aufgemacht mit vielen hauchzarten und kunstvoll drapierten Scheiben von der Putenbrust, mit Schinken, Fenchelsalami, Rindercarpaccio mit Champignon-Scheiben und Parmesan, Vitello Tonnato und Vitello mit Pesto. Alles ist von erstklassiger Qualität bis zu den Kapern und der köstlichen Thunfischsauce. Auch dreierlei italienische Käsesorten waren von fast schwindelerregend guter Qualität (30 Euro für zwei). Alles köstlich, warum ist es dann so leer?

Am Samstag sei es voll gewesen, entgegnet der Patron. Wir haben eine andere Erklärung: Die Kalkulation der Weinpreise ist nicht ganz an den Bedürfnissen des Publikums orientiert. Für ein gehobenes Weinrestaurant ist die Ausstattung zu schlicht. Natürlich merkt man der Karte viel Erfahrung und gute Kontakte an. Und es schmückt das Restaurant, wenn es auch Raritäten für 1350 Euro gibt, wie den 2004er Pergole Torte Mathusalem von Montevertine. Aber dass die Flaschenpreise von einer Ausnahme abgesehen erst bei 22 Euro anfangen und in dieser Kategorie schon praktisch alles ausgetrunken war, ist kein gutes Zeichen. Auch die Tatsache, dass bei den Gästen, die sich für einen offenen Wein entscheiden, ebenfalls die ganze Flasche auf dem Tisch steht, ist nicht nur von Vorteil. Wie beiläufig wird immer wieder nachgeschenkt, aber natürlich nur in kleinen 0,1er-Pfützen. Klar, zunächst wirkt das einladend und gastfreundlich. Der Pinot Grigio von Lageder ist ausdrucksvoll und aromenreich, keine Frage, aber wenn man den Preis von 6 Euro mal auf die normale Glas-Größe 0,2 l umrechnet und vielleicht noch mal kurz zurück an DM-Zeiten denkt, dann ergäbe sich ein Preis von 24 DM für ein kleines Glas Wein. Ein einziger Chianti ist für 3,50 Euro zu haben, dann geht es steil nach oben bis zu dem Merlot für 10 Euro pro 0,1-l-Portion. Natürlich hat man es hier mit exzellent vernetzten Weinkennern zu tun. Aber das Publikum, das sich einfach ein Glas nach dem Kino gönnen will, mag es lieber preiswerter.

Auf jeden Fall wäre es gut, wenn die Bragatos ihre exzellenten Kontakte nutzten, um jeweils einen preiswerten weißen und roten Hauswein zu finden, den man in der 0,2-Variante für drei bis höchstens fünf Euro anbieten kann. Es wird in dieser Gegend der Stadt immer noch genügend Connaisseure geben, die sich der kenntnisreichen Beratung des Patrons anvertrauen, aber die verbleibenden Plätze könnte man gut füllen mit Nachtvögeln, die zu Käse und Wurst auch mal zwei oder drei Gläser trinken möchten, ohne das Ausgehbudget für den Rest des Monats auszuschöpfen.

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