Von TISCH zu TISCH : No. 45

Ferkelfilet mit knusprigem Erbspüree

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Es lohnt sich immer mal wieder, rund um den Kollwitzplatz nach neuen Restaurants zu schauen, denn dort fluktuiert es wie verrückt. Es wird viel ausprobiert und wieder verworfen, und am Ende kommt dabei meistens heraus, dass die von Touristen überlaufene Gegend nichts anderes brauchen kann als eingängige Küche von überall, und die möglichst billig. Ausnahmen sind selten und selten von Dauer – ein Beispiel ist das schnell gekommene und schnell wieder gegangene Majakowski in der Knaackstraße.

Was allerdings überhaupt nicht ins Bild passt, ist der ambitionierte Nachfolger. Traditionsküche aus Berlin und Brandenburg, modern gemacht – das hat sich seit den Glanzzeiten Siegfried Rockendorfs niemand mehr so richtig getraut, und auch die liegen 20 Jahre zurück. „No.45“, nicht überraschend ein Hinweis auf die Hausnummer, heißt das relativ neue Restaurant, das sich in den schlichten, holzgetäfelten Wänden des Vorgängers eingerichtet hat. Wesentliches Kennzeichen: Die Kellner tragen Pepita-Hütchen.

Die Speisekarte verspricht zu vernünftigen Preisen dezidiert „Hauptstadtklassiker“ und „Brandenburg“; das wollen wir mal nicht so ganz ernst nehmen und vor allem als Hinweis auf die Herkunft der Produkte verstehen. Wie die Küche hier arbeitet, zeigt am besten das Berliner Eisbein, das keins ist: Es handelt sich um saftig kurz gebratenes Ferkelfilet mit einer Kugel aus knusprig gebackenem Erbspüree, einem Gewürzpulver auf der Grundlage von Schwarte und einem Löffel Senf.

Wer jetzt fragt, was denn dieser Unfug solle, der ist auf jeden Fall in einem anderen Restaurant besser aufgehoben. Mir hat’s gefallen, es war sehr präzise gemacht, gut gewürzt und angenehm leicht. Auch die Kohlroulade dürfte all jene enttäuschen, die auf einen Hackfleischberg in brauner Sauce hoffen, denn hier ist sie aus Spitzkohl mit Hechtmousse gewickelt, arrondiert durch etwas Saiblingskaviar, einen Hauch von Senfgurke und ein säuerliches rotes Kartoffelpüree. Berliner Leber: Eine Kugel Kalbslebercreme, etwas Püree aus Sieglinde-Kartoffeln, Apfelscheiben und kleine rote Schmorzwiebeln; aus dem Hauptgericht wird hier eine raffiniert auf den Kopf gestellte Vorspeise, auch das hat mir in seiner nicht zu süßen Abstimmung gut gefallen.

Ob der Kalbstafelspitz eine Brandenburger Tradition hat? Mir ist sie nicht bekannt. Also nehmen wir einfach an, dass das Kalb hier aus Brandenburg gekommen ist. Das Fleisch, kurz rosa gegart, war ein wenig zäh, harmonierte aber gut mit knackigen Erbsensprossen, Zwiebeln und einem Hauch Lavendel. Die Apfelscheiben hatten hier einen zweiten Auftritt, passten sich aber wieder ganz dezent an. Gebratenes Forellenfilet mit Bronzefenchel und (Shiitake?-) Pilzen und Kartoffelpüree – auch das fanden wir ganz achtbar, obwohl die extravagante Beigabe, ein Erdbeerkompott mit Minze im Extraglas, ziemlich daneben stand. Schließlich probierten wir ein rosa gebratenes Entenbrustfilet, etwas dröge, das neben einem, ja, Salat aus Pellkartoffeln, grünen Bohnen, Lauchzwiebeln und Pfirsich nicht so recht zur Geltung kam.

Der Salat bekam vermutlich durch den Pfirsich einen süßlich-metallischen Beigeschmack, der dem Experiment insgesamt nicht guttat, aber es ist sicher besser, mal mit einem Experiment zu scheitern als es erst gar nicht zu versuchen. Als Dessert gab es beispielsweise „Berliner Luft“, einen Klassiker, der hier mit weißem Schokoladeneis und Holunderschaum frei, aber nicht unoriginell interpretiert wurde. (Vorspeisen um 8, Hauptgänge um 18 Euro, Menüs 42/72 Euro.)

Weshalb die Weinkarte ihren Schwerpunkt auf italienische Weine legt, ist mir nicht klar geworden. Es gibt allerdings auch Ergänzendes aus Österreich und Deutschland; der grüne Veltliner aus dem Weinviertel kam mir ziemlich substanzlos und flach vor, er kostete allerdings auch nur bescheidene 26 Euro.

Das ist also ein originelles Restaurant, das sich in moderner Küche versucht, ohne die Verfremdung zu übertreiben. Es hat eine Chance wirklich verdient. Aber ob es die am Kollwitzplatz auf Dauer hat, vermag ich nach dem Essen nicht zu sagen.

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