Von TISCH zu TISCH : Noiquattro

Tiramisu mit Kirschkompott

Bernd Matthies

Trattoria Noiquattro, Südstern 14, Kreuzberg, Tel. 325 345 83, täglich von 12 bis 24 Uhr. www.noiquattro.de. Foto: Doris Klaas

Die neue italienische Küche, erfunden in den späten Siebzigern, sieht ziemlich alt aus, seit sie von nun schon mehreren Modewellen überrollt wurde. Überdies sagt heute nahezu jeder bessere Küchenchef, er koche irgendwie mediterran, und damit hat sich das Thema sowieso erledigt. Oder nicht? Ich war ziemlich verblüfft, als ich auf dem Kärtchen der „Trattoria Noiquattro“ am Südstern das Versprechen einer „nuova cucina italiana“ las – denn wie könnte die heute aussehen, wo doch ohnehin längst alles erlaubt ist?

Es ist wohl eher Nostalgie. Denn zu dieser Trattoria gehörte früher auch ein Ristorante am Strausberger Platz, das durch eine exaltierte und nach meinem Geschmack häufig sehr fragwürdige italienisch angehauchte Experimentierküche auf sich aufmerksam machte. Es wurde im März nach einem größeren Zank mit dem Hausbesitzer geschlossen, und nun hat offenbar die schlichte Trattoria die Aufgabe, die kreativen Impulse des Chefs aufzufangen.

Doch bei Licht besehen geht es dort eher normal zu, viel normaler als im verblichenen Ristorante, und vor allem viel preisgünstiger. Ich werde gleich ein wenig zu mäkeln beginnen, sage also sicherheitshalber vorher, dass das Gebotene die Preise von maximal 15 Euro für ein Hauptgericht mehr als wert war: Zwei Mal drei Gänge guter Qualität, zwei Flaschen Wasser und eine anständige Flasche Wein für exakt 86,20 Euro, das ist schwer zu finden in Berlin.

Gestört hat mich die Nonchalance, mit der sie hier die Speisekarte formulieren und interpretieren. Linguine mit Flusskrebsen, Artischocken und Fenchelvelouté – das hört sich gut an, grenzt aber haarscharf an Warenunterschiebung, wenn die Artischocken sich auf dem Weg zum Tisch ohne Ankündigung in Lauchzwiebeln verwandeln und der Fenchelanteil in der Sauce praktisch unschmeckbar bleibt. „Gespickter Lachs mit zweierlei Tomatenrisotto“, das klingt ebenfalls gut – doch am Tisch stellt sich heraus, dass der Lachs nur mit exakt einem nach oben aufragenden, weiß beschäumten Thymianzweig „gespickt“ ist und „zweierlei Tomatenrisotto“ keineswegs für zwei Risottovarianten steht, sondern für Risotto aus zweierlei Tomaten, frischen und getrockneten.

„Kabeljau und Scampi auf Spinat mit Ingwer“ besagt nach landläufiger Lesart, dass mindestens zwei Scampi erscheinen und nicht nur wie in unserem Fall einer, der ja dann „Scampo“ hätte heißen müssen. Dass der Ingwer so wenig wie der Fenchel in der Velouté zu schmecken war, mag insofern keine Überraschung sein, ich erwähne es also nur der Vollständigkeit halber und in der Hoffnung, dass er überhaupt verwendet worden war. Und dass trotz der sehr schmalen Weinkarte der erste von uns bestellte Wein nicht greifbar war, erinnerte mich an das alte Noiquattro, wo uns dieses Phänomen bei jedem Besuch begegnete; es ist auch dessen Karte.

Diese Schlamperei ist – ich deutete es schon an – vor allem deshalb so unsinnig, weil das Gebotene ja auch ohne all die leeren Versprechungen gut gelungen und seinen Preis mehr als wert ist. Produkte, Garzeiten und Würzung überzeugen, ausgenommen die trockenen Flusskrebsschwänze bei den Nudeln, ein problematisches Convenience-Produkt, das angesichts des Preises aber nicht zu beanstanden ist. Alles war schön saftig, der Fisch ebenso wie das Perlhuhn mit Sauerkirschen und Kartoffelgnocchi, der noch angenehm leicht glasige Kabeljau wirkte allerdings ein wenig leer, weil die einzelnen Komponenten keine Verbindung eingingen, sondern nur beziehungslos aufeinander lagen.

Schließlich erfreuten uns anständig gemachte Desserts, ein saftiges, nicht zu schweres Tiramisu mit Kirschkompott und ein tiefgründig dunkles, sehr geschmeidiges Nougatparfait. Hinterher gibt es Schnaps oder Averna oder Caffé aufs Haus – das zeigt schon, dass sie hier den kulinarischen Anspruch mit der familiären Wohlfühlatmosphäre der Allerweltspizzeria verbinden wollen. Das klappt an sich nicht schlecht. Aber es hätte mir ohne die Schaumschlägerei noch viel besser gefallen.

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