Von TISCH zu TISCH : Parzival

Saltimbocca vom Zander und Kartoffel-„Spaghetti“

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Parzival im Seehotel Fontane, An der Seepromenade 20, Neuruppin. Tel. 03391/40350, täglich ab 12 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Parzival im Seehotel Fontane, An der Seepromenade 20, Neuruppin. Tel. 03391/40350, täglich ab 12 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Droben im Norden Berlins breitet sich ein großes kulinarisches Loch aus, das vor der Landesgrenze nicht mehr enden will. Es gibt ein paar etablierte Betriebe mit diskutablem, aber keineswegs berauschendem Essen. Und gerade da, wo sich die Touristen sammeln, passiert nichts. Das trifft auch auf Neuruppin zu, eine seltsame Stadt, die zwar allerhand Schönes zu bieten hat, aber auch Fassaden und ganze Straßenzüge, die sich seit 1989 (oder 1945?) kaum verändert haben.

Ein Lichtblick ist das neue Seehotel Fontane unterhalb der Klosterkirche am Wasser, das in Verbindung mit der angeschlossenen Therme verwirrend auch als „Resort Mark Brandenburg“ firmiert. Die Therme ist höchst empfehlenswert, aber das nur am Rande. Das Restaurant heißt in Anlehnung an die große Metallskulptur im See „Parzival“ – und schickt den Gast auf Irrfahrten, die an das Schicksal des Namensgebers erinnern. Es handelt sich geradezu um ein Lehrbeispiel dafür, wie hohe kulinarische Ambitionen durch schlampige Ausführung zunichte gemacht werden können.

Zufallsgäste sollten zunächst wissen, dass die Plätze am Fenster mit Seeblick den Hotelbewohnern vorbehalten bleiben. Die Speisekarte klingt rasant, ist allerdings nichts für misstrauische Esser, die so viele angebliche Trüffelsaucen im Sommer für Murks halten. Da bei einem Gericht, dem Tatar, ausdrücklich Trüffelöl angekündigt war, verbaten wir uns dieses Zeug auch für alle anderen Gerichte, das mag die Küche ein wenig aus der Balance gebracht haben. Dann ging es los mit einer Tafelspitzsülze, die an sich ausgezeichnet gemacht war, mit würzigem Gelee und kräftig herausschmeckenden Meerrettich-Inseln. Doch das in der Scheibe enthaltene Fleisch hatte, ungelogen, exakt die Größe von zwei Euro-Stücken, nur eckig – für 14,90 Euro eine seltene Dreistigkeit. Sehr guter Salat!

Das war qualitativ noch das Beste am Menü. Die Roulade von der Zippelsförder Forelle kam in Form von Scheiben mit Salat auf den Tisch – es lag sicher nicht an Zippelsförde, dass der Fisch so furztrocken war. Und die mysteriösen „vegetarischen Austern“, die die Speisekarte hochtrabend versprochen hatte, waren schlichte Blätter der Austernpflanze. Creme vom Frühlingslauch, an sich ganz gut, aber durch viele Stücke von salzigem Matjes nahezu ruiniert, keine gute Idee. Das besagte Rindertatar mit, wörtlich, „hausbackenem“ Brot erwies sich dann als unangenehm breiig wie aus dem Mixer; wir mochten es nicht essen, auch wenn kein Trüffelöl dabei war.

Auch die Hauptgänge bersten hier fast vor Ambition. Saltimbocca vom Zander, ein in Speckscheiben gebratenes Filet, mit Ragout von Sylter Royal-Austern, eine große Portion, gut im Geschmack. Der Sinn der dazu gerollten Kartoffel-„Spaghetti“ erschloss sich mir nicht, denn entweder kocht man sie, dann sind es keine Spaghetti mehr, oder man lässt sie roh, dann schmecken sie nicht. Hier waren sie roh. Ganz gut gelang schließlich das Zweierlei vom Juvenil-Ferkel, Keule und Rücken, mit Mangold und rotem Rettich. Angesichts dieser ziemlich anstrengenden Darbietung schenkten wir uns die Desserts, die im Wortlaut der Karte ebenfalls äußerst ambitioniert wirkten. (Vorspeisen um 13, Hauptgänge um 25 Euro).

Verschärft wurde der negative Eindruck durch den ebenso selbstgefälligen wie unkoordinierten Service, der zwar mit Gestelztheiten wie „Wünschen Sie eine Geruchsprobe vom Korken zu nehmen?“ brilliert, aber dann nicht mal das Nachschenken von Wein und Wasser anständig hinbekommt. Die Weinkarte beruht wohl kaum auf hauseigener Kompetenz, sondern wirkt zugekauft, enthält viele Bilder und wenig Flaschen, aber die immerhin von guter Qualität.

Was ist das hier? Ich hatte den Eindruck, dass in der Küche durchaus Können vorhanden ist. Doch entweder nimmt man hier die Gäste generell nicht ernst oder konzentriert sich auf die Hotelgäste und versucht, Externe möglichst schnell wieder loszuwerden. Meine Empfehlung wäre, noch einmal komplett von vorn anzufangen und dabei alles etwas regionaler und bodenständiger, vor allem weniger hochtrabend zu halten.

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