Von TISCH zu TISCH : Pratirio

Modernes Tsatsiki – mit wenig Knoblauch

Elisabeth Binder

Pratirio, Knesebeckstraße 22, Berlin-Charlottenburg. Geöffnet täglich von 12 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die hochlehnigen Stühle sind noch unbequemer, als die notorischen Sitzgelegenheiten in den Fastfood-Restaurants, wo man die Leute möglichst rasch wieder loswerden möchte. Glücklicherweise gibt es im Pratirio aber auch etwas kuscheliger gestaltete Loungebereiche. Die alte Tankstelle am Savignyplatz war lange ein Treffpunkt für die Goldkettchenträger in der Chichi-Schickeria. Seit einiger Zeit sendet dort ein von außen edel wirkender Grieche sein warmes Licht in die Gegend. Das Mobiliar sieht schön aus, hübsches Geschirr in warmen Erdtönen offenbart Freude am Detail, die Wasserfallskulptur auf der mit Heizstrahlern fast wintertauglich erwärmten Terrasse wirkt ganz anmutig.

Trotzdem war es an einem Freitagabend so leer, dass die anhaltende Westflucht des Nachtvolks allein dafür keine Erklärung liefern mochte. Diese Gegend ist schließlich nach wie vor ein Ausgehzentrum. Auf den ersten Blick machen sie in ihrer Flexibilität alles richtig, denn das Pratirio will nicht nur Restaurant sein, sondern auch Bar und Café, legt folgerichtig einen Schwerpunkt seines Angebots auf die Vorspeisen. Unter dem Motto „New Greek Cuisine“ wollen die Macher Tradition und Moderne verbinden. Die Weinkarte zeigt, dass im modernen griechischen Wein mehr stecken kann als das Blut der Erde. Der fruchtige Weiße aus Kreta schmeckte frisch und leicht (18 Euro), der offene rote Trigitis (4,50 Euro) auf samtige Art saftig.

Vorweg gibt es in einer interessant gestalteten Schale Brot mit Kräuterbutter und Fischrogenpaste zum Aufstreichen, dazu einen milchig milden Ouzo. Ganz zart sind die gebratenen Babypulpo, bekömmlich angerichtet in einer pikanten Tomatensauce (6,50). Zu den Spezialitäten des Hauses zählt die „Pratirio Meze“, die noch einmal den ausgeprägten Sinn der Betreiber für Optisches dokumentiert. Auf einem großen Holzbrett sind zehn Schüsselchen mit verschiedenen Vorspeisen dekorativ angerichtet. Geschmacklich können die Hors d’Ouevres mit dem Aussehen leider nicht mithalten. Manche schmecken wie eben dem Kühlschrank entflohen, andere haben eine unpersönliche Note. Das Tsatsiki war mit Knoblauch offenbar nur marginal in Berührung gekommen, ebenso das kalt servierte Kartoffelpüree, und der Rote-Bete-Salat schmeckte auch recht lahm. Der im Dämmerlicht beige-grau aussehenden Fischrogenpaste fehlte ein ausgeprägter Geschmackscharakter. Die gebratenen Zucchini- und Auberginenscheiben hätten einen kleinen Extrapfiff gut vertragen können. Auch die Riesenbohnen sahen zwar appetitlich aus, schmeckten aber vergleichsweise schlaff, und die „Kaserokroketes“ machten einen geradezu industriellen Eindruck. Gut waren immerhin die Oliven, auch das scharfe Schafskäsepüree war okay, ebenso der allerdings eisige Meeresfrüchtesalat. Eine Portion reicht als Vorspeise locker für zwei Kopfarbeiter (14,50 Euro).

Positiv fiel uns auf, dass sie hier neben dem Üblichen auch Originelles anbieten, zum Beispiel Lammwürstchen vom Grill. Die waren im Gegensatz zu den Vorspeisen sogar ganz munter gewürzt, hätten nur gern noch etwas weniger knorpelig sein dürfen. Dazu gab es Senf mit Dill (5,50 Euro). Dafür ist auf der Speisekarte unter der Nummer 108 „Gyros“ aufgelistet mit dem stolzen Hinweis „haben wir nicht“. Kann man ruhig haben, wenn es gut gemacht ist. Es gibt da nämlich nichts originelleres als erstklassiges Fleisch.

Die „Almiropiatela“ geheißenen „gesalzenen Fische“ verlangen nach Respekt. Die Wertschätzung des schönen Scheins war auch hier durchgehalten. Die auf Anhieb harmlos wirkenden Sardinen und Sardellen waren um mildernde schwarze Oliven gewickelt mit Radieschen, Peperoni und Salat dekorativ angerichtet und wie versprochen richtig salzig. Gut schmeckten sie trotzdem.

Als Gegengift wird zum Nachtisch süße Schokoladentorte mit Vanilleeis geboten. Authentischer und ganz gut ist der sahnige Joghurt mit Äpfeln und Nüssen unter einer Honighaube. Da kann man zum Schluss noch mal kurz verdrängen, dass moderner Stil hier offensichtlich eine größere Rolle spielt als traditioneller Geschmack.

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