Von TISCH zu TISCH : Riehmer’s

Zarter Jungbulle

Elisabeth Binder

Je mehr Touristen in die Stadt kommen, desto öfter wird man nach dem Weg gefragt. Gelegentlich auch nach Restaurants. Letztens wollten wildfremde Schwäbinnen auf dem Kudamm von mir wissen, ob ich was „Billiges und Deftiges“ kenne. In der Regel kann ich weiterhelfen, nur bei der Frage nach „richtig gutem Gulasch“ habe ich mal gefloppt. Jetzt wüsste ich eine gute Antwort.

Kein Wunder, dass das Riehmer’s am gleichnamigen Hofgarten mitten in der Woche ausgebucht ist. Weiße Tischdecken und Stoffservietten, Windlichter und rote Amaryllis auf den ausreichend weit auseinander stehenden Tischen schaffen ein Ambiente von zurückgenommenem Luxus. Man fühlt sich gleich wohl. Dazu trägt auch der sehr professionelle Service bei. Die Kellner kommen wirklich nur dann, wenn sie gebraucht werden, halten ihre Auftritte aufs Notwendige beschränkt, verstehen es aber, in ihre Worte jenen Extrakick Freundlichkeit zu legen, der die Laune gleich hebt.

Das große Bier kommt frisch gezapft und stellt den rosigen, aber doch etwas matt prickelnden Schilcher Sekt gleich in den Schatten. Als Amuse Gueule gibt’s einen wunderbaren Sauren Ochsenschwanz, Baguette und krustig frisches Graubrot, dazu Kürbiskernöl zum Eintunken verkürzen die Wartezeit auf den ersten von drei Gängen des Tagesmenüs (38,50 Euro). Die gebackenen Jakobsmuscheln sind abwechselnd mit exzellenten Apfelspalten und mit Bärlauchpesto gefüllten Chicoreeblättern pittoresk um grüne Salatblätter angerichtet, in denen sich zwei Wachtelei-Hälften verstecken. Dem malerischen Auftakt folgt ein ausgesprochen großzügig geschnittenes Filet vom Brandenburger Jungbullen, zart und vom Geschmack her so, als habe der Bulle zu Lebzeiten nur ausgesuchtes Biofutter bekommen. Ringsum ein lustiger Kreis mit mozartkugelgroßen, crunchigen Nusserdäpfeln und ein winziges Tellerchen mit Marktgemüse. Zum Abschluss folgt eine fruchtige Erdbeer-Rhabarber-Terrine mit schönen marinierten Erdbeeren und Walnusseis. Im ansonsten vorzüglichen Eis versteckten sich leider ein paar harte Schalenstücke, was beweist, dass es kein Industrieprodukt war, aber das hatte man am Geschmack ohnehin schon bemerkt.

Auch bei den À-la-Carte-Gerichten entflammt der chinesische Koch des Restaurants ein Entzücken für die österreichische Art des Genusses. Der Hirtensalat hielt weitaus mehr, als er auf den ersten Blick versprach. Unter dem Salatberg mit überaus angenehmem Dressing, Radieschenscheiben und Kürbiskernen verbargen sich nämlich warme Staudensellerie, Champignons, Paprika, Auberginen, Zwiebel und ebenfalls Wachtel-Eier, außerdem sanftweißer frischer steierischer Ziegenkäse. So wünsche ich mir Salat öfter, gehaltvoll und abwechslungsreich (8,40 Euro). Dazu passte gut der fruchtige halbtrockene 2005er Rosé von Günter Triebaumer aus dem Neusiedlersee-Hügelland, den wir aus der umfangreichen Weinkarte herausgepickt hatten, obwohl wir darin eine Menge anderer guter österreichischer Gewächse entdeckten, die uns auch gereizt hätten (21,50 Euro). Hier kann man zum Beispiel gut einen herbfrischen Heurigen trinken, der in der zierlichen Achtelliter-Karaffe serviert wird (2,30 Euro).

Eigentlich bin ich kein großer Gulasch-Fan, aber die bis dahin so erfolgreich umgesetzte Philosophie des Hauses („Königlich fühlen. Kaiserlich essen.“) macht offen für die Überwindung alteingesessener Skepsis. Und tatsächlich war das „Gulyas“, das nach einiger Wartezeit aufgetischt wurde, perfekt geeignet, den Geschmack zu revolutionieren: Sehr zartes Fleisch, feurige Sauce, mit Sauerrahm optisch und geschmacklich elegant abgedämpft. Dazu gab es kleine, kräftige Semmelknödel (13,80 Euro).

Der Marillenbrand zum Abschluss hatte diesen tiefen Geschmack von Frucht und Feuer, den man ebenfalls nur in Lokalen findet, wo die Betreiber sich dem authentischen Genießen verpflichtet fühlen. Wenn das nächste Mal ein Tourist wissen will, wo es etwas Raffiniertes gibt zum guten Preis-Leistungsverhältnis, wird er wahrscheinlich in Kreuzbergs guter Stube landen.

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