Von TISCH zu TISCH : Saint Tropez

Zarte Kalbsnieren in dunkler Sauce

Elisabeth Binder

Brasserie Saint Tropez, Winterfeldtstr. 25, Schöneberg, Tel. 219 62402, geöffnet Di-Sa ab 16 Uhr, Mo und So für geschlossene Veranstaltungen.

Ist das jetzt ein Zeittunnel zurück in die 70er Jahre oder nur ein kulinarisches Revival-Festival? Wenn man sich dem Saint Tropez vom Winterfeldtplatz her nähert, wird man schon von weitem von einer nasenbetäubenden Knoblauchwolke getroffen. Ein paar Schritte geht es hinab ins Souterrain, dann steht man in einem Raum wie aus der Zeit, als die 68er noch jung und idealistisch waren und sich an hohen Feiertagen einen Besuch im alten Cour Carré am Savignyplatz gönnten. Berliner Patina vom Besten, inklusive eines dunklen alten Oma-Büffets an der Wand.

Man sitzt in dem schlauchförmigen Raum trotzdem ganz bequem, wenn man sich erst Mal an den Gedanken gewöhnt hat, dass die Kleidung wohl ein paar Tage wird auslüften müssen, bevor man sich wieder in nicht frankophile Gesellschaft begeben kann. Die Kellnerin ist nett und freundlich und schleppt eine übergroße Schiefertafel mit den Angeboten des Tages im Raum umher, was den Retro-Eindruck noch verstärkt. Manche Szene-Lokale in den jungen östlichen Bezirken versuchen, so ein Ambiente künstlich herzustellen, verfehlen aber leicht den Punkt. Dass hier das Lebensgefühl der alten Studentenbewegung so haarscharf getroffen ist, liegt nach meinem Eindruck daran, dass offenbar niemand die Absicht hatte, ein Retro-Lokal zu schaffen. Der alte Geist scheint einfach noch in den Wänden zu stecken und eine Aura der Authentizität zu verbreiten.

Der eiskalte, frisch schäumende Crémant setzt einen prickelnden Kontrast zum Knoblauchdunst (5,10 Euro).

Dass man hier Schnecken bestellt, ist weniger ein Akt des Willens als eine Art Pawlowscher Effekt. Sie schmecken aber auch ganz wie früher, als man noch frei von Verpflichtungen die flüssige Knoblauch-Butter mit dem Weißbrot aufsaugen konnte. Ja, liebe Kinder, solche Sechser-Pfännchen läuteten einst die Internationalisierung der deutschen Küche mit ein. Schmeckt wie früher, also lecker. Der Geruch sei mein Zeuge (6,30 Euro). Auch die „Paté Breton avec cornichons et salade“ hat so einen rustikalen Charme der frühen Jahre. Ein kräftiges Stück Pastete, herzhaft abgeschmeckt, dazu Silberzwiebeln, kleine Gürkchen und Salat mit einem auf angenehme Weise stechenden Senfdressing (6,10 Euro).

Noch etwas ist schön: Die Kellnerin, obwohl jung und hübsch, repräsentiert noch jenen Schlag ihres Handwerks, der seine Ehre dareinsetzte, unarrogant und hilfsbereit aufzutreten, will sagen, sie beantwortet auch dumme Fragen freundlich, schnörkellos und unblasiert. Die zarten Kalbsnieren kommen dann in einer schweren dunklen Sauce („Aigre Douce“), in der man sich baden möchte, so gut ist sie, dazu gibt es sanftes helles Kartoffelpüree (16 Euro).

Das Entrecôte ist dünn, nicht ohne Fett, aber zart und gut gewürzt. Dazu gibt es von Hand geschnittene goldgelbe Pommes Frites, dazu natürlich kein Ketchup, aber temperamentvolle Kräuterbutter, außerdem einen wild blätterigen Salat mit dem bereits gelobten Senfdressing und offensichtlich handgemachten Croûtons (15 Euro). Die Frage nach dem Ketchup war die einzige, die von der sonst so milden Kellnerin mit einem etwas strengeren Gesichtsausdruck quittiert wurde. Zu dem Fleisch passt gut ein fruchtig kräftiger Crozes Hermitage von Pascal (24,10 Euro).

Wenn die Schiefertafel „Tarte Tatin“ annonciert, empfiehlt es sich unbedingt, zuzuschlagen. Die Torte mit zimtigen Äpfeln kam an unserem Abend jedenfalls ganz frisch aus dem Backofen und schmeckte hinreißend gut, auf eine herzliche Art selbst gebacken (5,60 Euro). Wie es französische Sitten verlangen, gibt es Digestifs zu konsumierbaren Preisen, zum Beispiel einen achtbaren Calvados (2,80 Euro) und einen ordentlichen Marc de Champagne.

Es gibt also gute Gründe, sich vom Essensgeruch nicht gleich in die Flucht schlagen zu lassen. Man muss ja auch nicht seine schicksten Sachen anziehen. Die meisten Gäste saßen ganz leger und entspannt da nach dem Dresscode „studentischer Freizeitlook“.

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