Von TISCH zu TISCH : Schneeweiß

Sauerampfer-Malfatti auf Appenzeller Sahne

Elisabeth Binder

Schneeweiß,

Simplonstraße 16, Friedrichshain,

Telefon 290 497 04,

geöffnet täglich ab 10 Uhr. Foto: Mike Wolff

Weiß, fast alles weiß. Schon etwas benutzt und also nur stadtschneeweiß sind die langen Sofabänke, landschneeweiß die Lichtinstallation darüber. Unter dem Schnee liegt der Lehm, weshalb wohl auch die braunen Holzstühle in diesem Ton gehalten sind. Und das semikuschelige Gartenmobiliar außen ebenfalls. Abendschneeweißes Windlicht und in der Ecke nachtschneeweiße Decken, falls es kalt wird.

Rosa Sekt von erstaunlich guter Qualität (0,1 l für 6,50 Euro). Da sind sie auch stolz drauf, das wird auf der Karte eigens hervorgehoben. Draußen sitzt man zwar nicht wirklich weich, aber dafür ist das Ambiente auf eine angenehm urbane Art so richtig lauschig mit den schön restaurierten Altbaubalkonen, die durch die dicksatten grünen Baumkronen ihre eigenen Kerzenstrahlen herübersenden. Leider sind die Tische sehr eng gestellt, und die Nachbarn haben sich furchtbar vieles furchtbar schnell zu erzählen. Und das auch noch ganz laut. Das stört leider die Konzentration aufs eigentliche Essen.

Glücklicherweise sind die Speisen und auch die Getränke von einer Qualität, die sich gegen Störfelder durchsetzen kann. Das mit Gorgonzola gratinierte Birnen-Walnuss-Tartelette erwies sich als warme Liebkosung für Zunge und Gaumen, schmeckte frisch und harmonisch. Einen hübschen Rahmen schaffen locker über den Teller geworfene Raukeblätter und halbe Cherrytomaten (5,30 Euro).

Der Rohkostsalat ist eigentlich ein Muss, obwohl die Gäste sogar gewarnt werden, dass er zu groß sein könnte. Es gibt Möhren, Sellerie, Paprika in feine Stifte geschnitten, Gurken, Lauchzwiebeln, Radieschen, Weintrauben, Erdbeeren, Orangen, Birnen- und Apfelscheibchen, alle wohlgeformt mit ästhetischem Talent auf einem Teller angeordnet. Und mittendrin wartet eine Schüssel mit richtig köstlichem Kürbiskern-Hüttenkäse zum Dippen (7 Euro).

Roter Wein in schönen Gläsern, die richtig musikalisch beim Anstoßen klingen. Die Weinempfehlung, ein schlichtweißer 2005er Roero Arneis aus dem Piemont, können wir besten Gewissens weitergeben (0,25 l für 7 Euro). Und der glutrote Merlot aus dem Trentin (0,25 l für 6 Euro) sowie der blutrote Hauswein vom Fass, ein Cabernet-Sauvignon aus dem Veneto (0,25 l für 4 Euro) legten mit den angenehmsten Promillen, die man sich in dieser Klasse vorstellen kann, Zeugnis ab, dass der Wirt das Thema Wein mit dem gebührenden Ernst beackert.

Die hausgemachten Sauerampfer-Malfatti auf Appenzeller Sahne schmeckten so, dass moderne Speisekarten-Designer sie wahrscheinlich unter Soulfood rubrizieren würden. Schön dick zum richtig Reinbeißen und wieder dieser frischkräutrige Geschmack, der alles Vorgefertigte in den Orkus verdammt, dazu diese lustvoll sündigen Anflüge von gerösteten Artischocken und Paprika. Da findet man es fast schade, dass Kritiker einem ungeschriebenen Gesetz zufolge niemals „lecker“ sagen dürfen (12 Euro).

Hasenpfeffer auf tiefdunkler, wenngleich fruchtiger Brombeersauce: nicht wirklich zart, aber auch nicht zäh, Fleisch von besänftigtem Geschmack, dazu köstlich knackige karamellisierte Kohlrabi-Halbmonde und drei Kugeln erstaunlich lockerer, sehr guter Salbei-Polenta (12,50 Euro). Das alles braucht seine Zeit, geschenkt, man ist ja nicht bei McDonald’s hier. Und die Kellner sind sehr nett und aufmerksam.

Zum Nachtisch teilten wir uns stracciatellaweißes Parfait, das in seiner etwas farblosen geschmacklichen Genügsamkeit gnadenlos ausgestochen wurde von der kuchenwarmen, fruchtig-scharfen Chili-Orangentarte und den gut marinierten Erdbeeren (5 Euro).

Die netten Kellner staunten verhalten über unseren bärischen Appetit. Hier geht es nämlich nicht zu wie in der Haute Cuisine, wo man möglichst viel probieren muss, um die ganze Bandbreite des kochenden Künstlers zu erfassen, und deshalb immer nur kleine Häppchen vorgeworfen bekommt. Wer einfach nur satt werden will, käme zur Not auch mit einem einzigen Gang aus. Wäre aber schade.

Noch ein Mokka – und dann auf in die rabenschwarze Nacht.

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