Von TISCH zu TISCH : Seehotel

Gebackenes Eisbein mit Jakobsmuscheln.

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Seehotel Großräschen, Seestr.88, Großräschen/Lausitz, Tel. (035753) 69066-0, tgl. von 11-22 Uhr geöffnet.Foto: Kai-Uwe Heinrich
Seehotel Großräschen, Seestr.88, Großräschen/Lausitz, Tel. (035753) 69066-0, tgl. von 11-22 Uhr geöffnet.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sorry an die Berlin-Mitte-Freaks: Wir müssen heute noch mal aufs Land, noch mal in die Lausitz, noch mal in die Gegend der neuen Braunkohleseen. Vor einem Monat habe ich über das formidable „Sandak“ in Senftenberg berichtet, heute wird es noch seltsamer: Großräs- chen. Niemand in Berlin kennt diesen Ort, wenn er nicht ausgeprägtes Interesse an der Gegend hat, erst recht niemand kennt das dort angesiedelte Seehotel; auch ich bin rein zufällig drüber gestolpert.

Seehotel: Das ist – noch – eine nette kleine Schwindelei. Dann da ist gar kein See. Zwar ragt schon ein Schiffsanleger hohl ins Gelände, und auch der Name „Großräschener See“ steht fest. Aber man muss schon sehr tief nach unten gucken, um zu sehen, dass sich dort etwas tut. Voll ist der See erst 2015, und dann wird das Hotel seinem Namen wohl auch gerecht. Ganz hübsch ist es trotzdem, offenbar ein ehemaliges „Ledigenheim“, was immer das sein mag – eine Herberge für gefallene Mädchen des Kohletagebaus? Man sieht dem Haus seine Vergangenheit nicht mehr an, es ist perfekt hergerichtet mit schönen großen Zimmern, sparsam ausgestattet.

Hier interessiert aber vor allem das Essen, und das ist gut. Vor allem: Es wird auch mittags serviert und eignet sich deshalb für anspruchsvolle Tagesausflügler, die abends wieder in Berlin sein wollen. Der Küchenchef heißt Tobias Vogel, gilt als hoffnungsvolles Jungtalent mit Wettbewerbserfolgen und nimmt hier sofort durch eine leichte, geschmackssichere Küche ein. Regionale Stilistik spielt keine Rolle, es wird fröhlich drauflos kombiniert, und die Teller wirken manchmal etwas überladen, aber das ist vermutlich ein Kompromiss für jene Gäste, die von einem einzigen Gang satt werden wollen.

Ein guter Test sind immer Suppen, die so einfach wirken, aber doch nicht so einfach hinzukriegen sind. Hier kam die Bärlauchcreme perfekt, schön schaumig und aromatisch, mit einer kleinen Lammbratwurst ungewöhnlich, aber nett bodenständig aufgepeppt. Dann wurde es mutiger: Gebackenes Eisbein mit roh marinierten Jakobsmuscheln, Haselnüssen, Estragon, Zitrone und süß-saurem Blumenkohl – ein mutiger, stimmiger Ritt durch die moderne Küche und ihr Spiel mit Kontrasten. Wieder konventioneller, aber ebenso gelungen: Cassoulet von grünem und weißem Spargel mit Räucheraal und Erbsen-Minz-Ravioli.

Es war Spargelzeit, also bitte noch mehr: Filet vom Landschwein mit konfiertem Sallgaster Spargel und Mohnhollandaise, nichts Experimentelles, aber genau jene aufgeklärte Landküche, die immer noch so rätselhaft schwer zu finden ist. Ach, und weil wir schon beim Spargel sind: hier gab es ihn sogar als Dessert in einem Vier-Gang-Menü zum Thema, knusprig gebacken in Amarettini-Bröseln mit Erdbeeren und Waldmeister-Eis.

Also bitte: Wer das hier draußen als normal empfindet, der muss schon eigenartige Maßstäbe anlegen, ich war ziemlich überrascht. Klar, hier drückt nicht der Sterne-Ehrgeiz wie im zehn Autominuten entfernten Senftenberg, aber ich glaube nicht, dass irgendein anspruchsvoller Gast enttäuscht gehen wird. (Menüs 29–51 Euro, Hauptgänge 19–28 Euro, auch vegetarisch). Dazu gibt es ein paar anständige Weine, die allerdings noch längst nicht mit dem Ehrgeiz zusammengestellt sind, der in der Küche waltet.

Das alles gibt es im kultivierten Restaurant, vor allem aber auf einer netten Terrasse mit Blick in die werdende Landschaft. Man versteht die ganze Konstruktion besser, wenn man weiß, dass dies das Zentrum der zehnjährigen IBA „Fürst-Pückler-Land“ war, die sich um die Rekultivierung der Gegend bemüht hat. Unterhalb des Hotels liegt ein Info-Pavillon mit weitem Blick über die Landschaft, nebenan ein streng gestalteter Park, eine Marina ist im Bau – dies wird also eine Urlaubslandschaft, ähnlich jener, die in Senftenberg schon ganz gut läuft. Ein wenig menschenleer wirkt das alles noch, wartet deutlich auf die Annäherung des Sees, und so scheint auch das Hotel mehr von Business und Veranstaltungen zu leben als von kulinarisch interessierten Individualtouristen. Aber das muss ja nicht so bleiben.

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