Von TISCH zu TISCH : Seepavillon

Auf einen Eiskaffee am See

Bernd Matthies

Als langjähriger Restaurantkritiker glaubt man, über die Gastronomie der Stadt einigermaßen informiert zu sein. Was man nicht per Telefon von Köchen, Wirten oder Kollegen erfährt, wird eben durch PR-Agenturen auf allen nur möglichen Wegen ins Haus gebracht. Doch circa einmal jährlich kommt es vor, dass man verblüfft vor einem Schild steht, diesem Schild folgt und noch verblüffter auf ein Restaurant blickt, dessen Eröffnung praktisch geheim war. So ging es mir jetzt, als ich droben in Tegel auf den neuen „Seepavillon“ aufmerksam wurde. Der Name lässt den legendären „Pavillon du Lac“ nachhallen, die Speisestätte der in Berlin lebenden Franzosen, die vermutlich nie so grandios war, wie es die Gerüchte wollten. Der neue Pavillon steht nur ein paar Schritte vom Standort des alten entfernt, er hat die schönste Seeterrasse, die ich in Berlin kenne. Und damit ist der wichtigste Grund für einen Besuch auch schon genannt.

Ehrlich, Sie müssen sich das Ding mal ansehen und einen Eiskaffee einnehmen. Der Bau ist natürlich nicht nach normalen gastronomischen Maßstäben in den Wald oberhalb der Malche gestellt worden, denn es handelt sich offenbar um die Kantine der Villa Borsig gleich nebenan, wo das Außenministerium seine Diplomaten ausbildet. Neben dem kleinen Restaurantraum mit Bar gibt es einen Veranstaltungssaal, alles puristisch in kühlem Öko-Stil eingerichtet. Die Bürokratie streckt ihre gichtigen Finger sogar nach den Toiletten aus, die eine eigene Inventarnummer tragen für den Fall, dass der Rechnungshof mal das Klopapier zählen kommt. Wenn der Hunger der Jungdiplomaten gestillt ist, so stelle ich mir das vor, dürfen Gäste hinein, unter der Woche ab 15 Uhr, Sonnabend und Sonntag sogar zum Frühstück.

Nun kommt es: Betreiber ist die Firma Dussmann, die in Berlins Mitte Tausende von Politikern, Abgeordneten und Ministerialen versorgt. Nichts gegen dieses erfolgreiche, sicher sehr professionell geführte Unternehmen – aber zur Führung eines kleinen Restaurants ist es so geeignet wie eine Kuh zum Spitzenklöppeln.

Wir erlebten auf der himmlischen, von dicken Betonstreben nach oben gestemmten Terrasse, wie sich Kantinenköche das Leben à la carte so leicht wie möglich machen. Nur eine Handvoll Gänge steht auf der Karte, das Prinzip des Für-jeden-etwas waltet wie es will, und so kommt es kaum überraschend, dass die Lachsforelle nicht nur das einzige Meerestier im sogenannten thailändischen Fischtopf ist, sondern später auch noch den einzigen Hauptgang mit Fisch verkörpern muss. Der Thai-Topf für bescheidene 5,90 Euro besteht aus ein paar grobschlächtig gehackten und kurz angedünsteten Gemüsestücken, den schon erwähnten Fischstücken (mit Haut) sowie einer gelben, vage nach Zitronengras und Curry riechenden Suppe, die mit einer authentischen Thai-Suppe ungefähr so viel gemeinsam hat wie Tegel mit Bangkok. Nicht, dass es schlecht geschmeckt hätte – aber wem will man etwas so ungelenk Nachgemachtes angesichts der großen Zahl passabler Thai-Restaurants in Berlin ernsthaft andienen?

Das Lachsforellenfilet auf Gemüsestreifen (14,20) war dann ganz gelungen; in der vage nach irgendetwas schmeckenden Sahnesauce lagen „geschnitzte“ – also in längliche Form gebrachte – Kartoffelstücke, an deren seltsamer Konsistenz wir lange herumgrübelten. Vermutlich waren sie in einer nur halb heißen Friteuse aufgewärmt worden.

Passabel fielen die Nudeln aus, Penne, die mit den schon bekannten Gemüsen, ein paar Scampi und einem schön scharfen Orangen-Ingwer-Sud gemischt auf den Teller kamen (13,50), und dann gab es noch einen angeblichen Kräutersalat, der in Wirklichkeit ein sehr normaler Salat mit ein wenig gehackter Petersilie war und mit einem dicklich-süßlichen Dressing und ein paar harten, mit Sesamöl gewürzten Rindfleischstreifen auftrat, Kantine eben (8,50 Euro). Zu trinken gibt es eine Handvoll offener Weine in einer Auswahl, die ungefähr den Sachstand von 1980 wiedergibt. Kurz, es ist angesichts der Erwartungen, die der grandiose Bau unweigerlich wecken muss, das reine Elend. Aber wie gesagt: Für einen Eiskaffee. . .

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