Von Tisch zu Tisch : Spindel

Schollenfilet auf Safran-Muschel-Risotto

Bernd Matthies

Köpenick und Paris lassen sich nicht vergleichen? Wieso eigentlich nicht? Köpenick ist anderthalb Mal so groß wie Paris, hat aber keinen Michelin-Stern. Paris dagegen hat 97… Sie sehen schon, worauf das hinausläuft, der Vergleich ist zugegebenermaßen unfair und hinkt nach allen Seiten. Aber ein wenig mehr könnte schon los sein in der Gastronomie des flächengrößten Berliner Bezirks, der ja schließlich zumindest in der Saison unendlich viele Ausflügler und Touristen anzieht. Doch im Allgemeinen wird dort drunten gekocht, als ziehe immer noch der Hauptmann Wilhelm Voigt mit seinen Soldaten und gezücktem Blechnapf ums Rathaus.

Dennoch hat die „Spindel“ in der Friedrichshagener Bölschestraße einen bemerkenswerten Ruf. Hier am „Kudamm des Ostens“ witterten die West-Korrespondenten einst einen Hauch von DDR-Bohème (und wurden beim Wittern von der Stasi eifrig beschnüffelt), hier warteten Gäste neun Monate auf einen Platz an der chinesischen Tafel, hier wurde um die Zeit der Wende zumindest so achtbar gekocht, dass das Haus sogar im Guide Gault-Millau auftauchte. Dann kam der Mitte-Boom, und es ging bergab.

Dass es jetzt wieder klar bergauf geht, liegt an Hendrik Canis, der das Haus kürzlich zusammen mit seiner Frau gekauft, entrümpelt und zu einem schlichten Landgasthaus am Rande der Stadt umgestaltet hat. Canis ist kein Unbekannter in der Berliner Szene, er hat viele Jahre an der Seite von Kolja Kleeberg das imposante Weinangebot des „Vau“ dirigiert und das noch imposantere in der Weinbar Rutz. Er weiß also, wie es läuft, und er verzichtet klugerweise darauf, dort draußen angestrengt ein Gourmet-Ziel zu etablieren.

Küchenchef Jörg Eichhofer bietet einfache, kräftig gewürzte Gerichte, die sich einerseits wegen der weltläufigen Zutaten und der sorgfältigen, frischen Zubereitung weit übers dumpfe Gasthausniveau erheben, andererseits aber unkompliziert genug sind, um auch die Nachbarschaft anzusprechen. Mittags gibt es hier drei Gänge schon für 21 Euro, abends für 29, das ist die Sache zweifellos wert und versüßt auch die nicht unkomplizierte, mit wüsten Baustellen gespickte Anreise aus der Innenstadt. (Hauptgerichte mittags 10-15, abends 19-23 Euro.)

Die Karte wechselt ständig. Wir probierten saftigen Kaninchenrücken mit Steinpilzen und (etwas zu dominanten) Wildkräutern, sehr gelungene gebeizte Entenbrust mit Wachsbohnen, gebratenes Steinbuttfilet mit Bohnenpüree, Kapern und Limetten und ein leicht geräuchert schmeckendes Artischockensüppchen mit gebratener Wachtel. Auch die üppig dimensionierten Hauptgerichte waren stimmig aus guten Grundprodukten zubereitet: Schollenfilet, schön dick und saftig, auf einem exzellenten Safran-Muschel-Risotto, geschmorte Schweineschulter auf Castelfranco-Radicchio mit kleinen Thymian-Gnocchi. Alles ohne Chichi und Dekorationsexzesse, ohne Espumas und andere Anleihen an die Gelee-Avantgarde.

Die Desserts passen in diese einfache Linie, dreierlei Mousse au chocolat mit Pflaumen oder das schön luftige Pflaumenomelette mit weißen Pfirsichen. Ach, und wer unbedingt ein Wiener Schnitzel will, der bekommt auch das in Bestform, ergänzt um ein Glas Grünen Veltliner.

Canis läuft natürlich vor allem dann zu voller Form auf, wenn man ihm die Wahl der Weine überlässt – das ist kein finanzielles Risiko, weil vier Gläser zu vier Gängen (jeweils kulant dimensionierte 0,1 l) auf exakt 25 Euro kommen. Er ist bekanntlich ein hochgradiger Ostdeutschland-Spezialist, hat beste Kontakte und kann deshalb so überraschende Entdeckungen bieten wie die rare, überall ausgetrunkene oder nie angekommene trockene 2007er Scheurebe von „Drei Herren“ in Radebeul. Aber er pflegt auch beste Verbindungen nach Württemberg, woher dann beispielsweise Gerhard Aldingers famose Rotwein-Cuvee „V“ stammt. Wenn Sie das jetzt alles so verstanden haben, dass die weite Reise nach Friedrichshagen zu diesem Muster-Landgasthaus lohnt – bitte, dann habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen.

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