Von Tisch zu Tisch : Villa Kellermann

Feste Bärlauchravioli und leichtes Nougat-Tiramisu

Bernd Matthies

In Zürich heißt so etwas andachtsvoll Goldküste, in Hamburg sachlich Elbchaussee. In Potsdam ist die Mangerstraße jene Gegend, in der die Leute wohnen, die sich große Villen mit Blick aufs Wasser leisten können. Eine Reihe von imposanten Klötzen zieht sich am Ufer des Heiligen Sees entlang, irgendwo wohnt Günter Jauch, der oberste Gefühlspotsdamer, und dann ist da auch noch die Villa Kellermann, das seinerzeit erste beachtenswerte Restaurant der Stadt. Bekanntlich hat es jahrelang unter dem Dauerkrach mit einem durchgedrehten Hauseigentümer gelitten; als alles nach endlosem Gezänk in anderen Besitz überging, hieß es, damit sei nun das Ende des Restaurants gekommen.

Doch der Betrieb ging auf wundersame Weise irgendwie weiter, er ist für 2008 gesichert und wohl auch darüber hinaus, und das mag nun ein Grund sein, nach langer Pause einmal wieder zu schreiben, was sich dort drunten tut. An der leicht skurrilen räumlichen Situation hat sich nichts geändert – man kommt in ein leeres Foyer, steigt die Treppe hinauf, bevor sich dann der große Gastraum mit dem schönen Seeblick öffnet.

Ja, die Villa Kellermann ist bekanntlich ein italienisches Restaurant, und das Italienischste daran ist die gewaltige, sehr kommod kalkulierte Weinauswahl. Die Küche dagegen driftet doch eher ins allgemein Mediterrane, was ja kein Fehler sein muss, zumal immer allerhand Nudeln auf der Karte sind. Allerdings kann man sie sicher besser machen als die Bärlauchravioli, deren Teig zu dick und zu fest geraten war. Die prononciert scharfe Ricotta-Kräuterfüllung schmeckte hingegen gut, die kräftige Olivenölsauce rundete ab und die gebratenen Jacobsmuscheln drauf waren eine angenehme, nicht dringend notwendige Zugabe. Die Terrine von Lachs und St. Pierre mit Kräutersalat gelang würzig und saftig, in der Perlhuhnbrust steckten Pistazien, fein, aber wir waren uns nicht sicher, ob die in einem seltsam roten Teig gebackenen Gemüse wirklich eine gute Ergänzung zum begleitenden Kartoffelauflauf waren – insgesamt zu viel beschwerliches Fett.

Das Filet vom Loup de mer mit grünem Spargel mit Olivenkartoffeln ging in Ordnung, und auch das leichte, mit Nougat abgewandelte Tiramisu; beim Moscato-Eisparfait mit Himbeeren zeigte sich wieder einmal, dass feine Weinaromen bei Temperaturen unter null wenig Chancen auf Entfaltung haben. Drei Gänge 33 Euro, Hauptgänge um 18 Euro, das ist ein angemessenes Niveau. Vor allem, wenn demnächst die Seeterrasse wieder geöffnet sein sollte, ist ein Besuch sehr anzuraten.

Als Ersatz für die Villa Kellermann war ursprünglich das „Massimo 18“ im Holländischen Viertel (Mittelstr.18, Tel. 0331/81718981) vorgesehen – das gibt es nun trotzdem. Eine andere Welt mit stilistisch ähnlicher, aber doch bedeutend ungelenkerer Küche: trockene, offenbar ohne jeden Zusatz von Sahne oder Lockerungsmittel zusammengebatzte Terrine vom Petersfisch mit einer sinnlosen Draufgabe von fettem Lardo-Speck, gebratener Tunfisch mit Grapefruitschaum und schwarz angekokeltem, bitteren Fenchel, innen noch weitgehend rohes Lammkarree mit weißen Bohnen. Das Lamm wurde dann noch einmal in den Ofen geschoben, was im Inneren des Fleischs bekanntlich wenig ändert. Zum Fenchel hieß es, ja, der komme nun mal vom Grill, das sei so.

Und weshalb das anständige Schokoladensoufflé mit Nougatsauce Waldbeerensoufflé heißen sollte, haben wir angesichts dieses ignoranten Umgangs mit Reklamationen nicht mehr wirklich in Erfahrung zu bringen versucht. Ach – die Bandnudeln mit Geflügelleber und Kapernäpfeln waren sogar recht gut. Mag sein, dass ausgerechnet an diesem Abend der Küchenchef krank, sein erster Sous-Chef im Urlaub und der zweite ans Krankenbett der Mutter abberufen war. Aber selbst dann müssen zumindest die Pannen souveräner ausgebügelt werden. Ich habe es bedauert, dass wir nicht lieber in die weniger prätenziöse Trattoria im Erdgeschoss gegangen sind – dort saßen mehr und recht zufrieden aussehende Gäste.

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