Von TISCH zu TISCH : Vino y mar

Gebackene Calamaretti, Geflügelleber in Sherry,

Bernd Matthies

Vino y mar, Emser Str.43, Wilmersdorf, Tel. 8871 4683, täglich von 17 bis 24 Uhr. www.vino-y-mar.de Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Tapas-Bar ist gegenwärtig das wohl erfolgreichste Gastronomiekonzept, allerdings nicht ganz so, wie die Spanier sie einst erfunden haben. Denn deren Idee war ja, das eigentliche Abendessen mit ein paar kleinen Häppchen zum Sherry möglichst weit hinauszuschieben, irgendwo in die Nacht. Daraus ist im mitteleuropäischen Alltag eine Weinbar geworden, in der es auch etwas zu essen gibt, nur eben kein Menü, sondern Gaumenkitzel für die Ach-bittenur-eine-Kleinigkeit-Generation.

Nur ist das mit dem Gaumenkitzel so eine Sache, denn bekanntlich offeriert der nächstbeste Großmarkt in Gläsern und Dosen praktisch alles, was zum Basisgeschäft der landläufigen Tapas-Bar gehört – man erkennt das meist an der großen Auswahl von Sauerkonserven. Im neuen, von draußen höchst unscheinbaren „Vino y mar“ ist das anders: Man beteuert, alles in der eigenen Küche herzustellen, und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Das ist ein sympathischer Neuzugang der Kategorie „Hätten wir gern unten an der Ecke."

Und das schon wegen der guten Auswahl spanischer Weine zu äußerst freundlichen Preisen. Quer durch die Anbaugebiete wird viel Gutes geboten, selbst die raren und meist sehr teuren Weine aus dem Priorat sind überzeugend vertreten: Wir zahlten für den feinen „Onix Fusio“ (Garnacha/Syrah) 24 Euro; andere Flaschen sind schon unter 20 Euro zu haben.

Ein Teller mit fünf Tapa-Sorten schlägt mit weiteren 9,50 Euro zu Buche: Marinierte Champignons, verschiedene Meeresfrüchte-Zubereitungen, Tunfisch-Kartoffel-Salat, Tintenfischringe, alles gut gewürzt, richtig gegart, prima – mir fehlte allenfalls der Impuls, etwas Ungewöhnliches, Eigenständiges zu servieren, aber das mag ja noch kommen. Ausgezeichnet gefielen uns auch die warmen Tapas-Varianten: Gebackene Calamaretti, fritierte Sardellen, Geflügelleber in Sherry, herrliche lockere Fleischbällchen in schön scharfer Tomatensauce, das war gelungen und seine Preise zwischen vier und sechs Euro wert.

Es gibt dann sogar einfache Hauptgerichte, die ganz ohne Getue serviert werden und viel Sinn für Handwerk und Produktqualität verraten: Aromatische Lammkoteletts oder ein Rumpsteak aus argentinischem Rind, das zwar zu kurz gebraten war und deshalb den erbetenen Medium-Zustand noch lange nicht erreicht hatte, aber dennoch köstlich schmeckte. Beilagen: grüne Bohnen, gebackene Kartoffeln, prima (um 17 Euro). Geben wir noch hinzu, dass der schmale, schlauchförmige Raum mit Barhockern vorn und ein paar Tischen hinten gut beleuchtet und stilvoll ohne Geschnörkel eingerichtet ist, und dass auch die Musik zur dezenten Modernität dieses versteckten Ortes passt. Ein hübscher Zuwachs für eine Gegend, die zwar westberlinischer kaum sein könnte, die aber dennoch nie aus der Mode kommen wird.

Es gibt ihn noch, den Varta-Führer, wenn auch in der Szene wenig beachtet. Den lobenden „Tipp“ für Restaurants gibt es nur in zwei Kategorien: mit Stern und ohne. Mit Stern finden wir darin in der aktuellen Ausgabe das „Alvis“ in der Albrechtstraße 8 in Mitte – gleichauf mit, beispielsweise, „Fischers Fritz“ und „Lorenz Adlon“, höher eingestuft als „44“ und „Rutz“. Bitte? Das „Alvis“, das ich vor Jahren ganz passabel fand, ist dann eine einzige Enttäuschung, Allerweltsessen, dargeboten in der Atmosphäre eines Frühstücksraums von einem selbstgefälligen Restaurantleiter, der auf eine Reklamation wegen indiskutabel wässriger Kartoffeln nur mit einem „Kann gar nicht sein!“ reagiert und uns beim Abräumen eine Gabel auf die Jacke schmeißt, ohne ein Wort der Entschuldigung zu verlieren. Auf der Karte werden zur Entenbrust „Kartoffelpralinen“ und „Traubentropfen“ versprochen, es kommen aber Kartoffelklöße und Rosenkohl; die gebratene Gänseleber auf einem bunten Salat ist zaddrig, die Fasanenpastete erinnert an die Neutralität von Convenience-Produkten. Ich hätte kein Wort darüber verloren, wäre da nicht das groteske Varta-Lob. Mit solchen Einstufungen demontiert der einst renommierte Führer seine restliche Glaubwürdigkeit.

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