Von TISCH zu TISCH : Wilson’s

Prime Rib mit Bratensauce

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Wilson’s, Nürnberger Str. 65, Schöneberg, Tel. 210 079 91, tägl. ab 18 Uhr, Mo–Fr außerdem 12–15 Uhr, So 13–15 Uhr. Foto: Doris Klaas
Wilson’s, Nürnberger Str. 65, Schöneberg, Tel. 210 079 91, tägl. ab 18 Uhr, Mo–Fr außerdem 12–15 Uhr, So 13–15 Uhr. Foto: Doris...

Wenn das traditionelle Weihnachtsgeflügel verspeist ist, überkommt einen manchmal Lust auf ein richtig schönes Stück Rindfleisch. In letzter Zeit ist ein Trend zu neuen Steak-Restaurants zu beobachten, die nicht zu einer Kette gehören. Wilson’s, The Prime Rib Restaurant im Crowne Plaza folgt diesem Trend. Hier gibt es den guten amerikanischen Sonntagsbraten, Cowboy’s Delight. Prime ist in den USA die höchste Qualitätsstufe. Die Rinder, deren Fleisch hier auf den Tisch kommt, sind eine Kreuzung aus Longhorn, Angus und Hereford, werden unter freiem Himmel gehalten und mit Getreide und Mais gefüttert. Das schmeckt man.

Drei butterzarte, dünne, tiefrosa gegarte, saftige Bratenscheiben, „The English Cut“, bestritten den Höhepunkt des Abends. Dafür lohnt es sich schon herzukommen (29 Euro). Zum Fleisch werden Sauce Béarnaise und Bratensauce gereicht, dazu ein winziges Tellerchen mit Meerrettich. Außerdem probierten wir gutes Kartoffelgratin und sautierten Spinat, beides in Puppenstubenportionen.

Auch nach der Renovierung merkt man dem liebevoll dekorierten großen Raum noch an, dass es sich um ein Hotelrestaurant handelt. Viele warme Erdtöne und dunkle Hölzer suggerieren einen gehobenen Country-Stil. Windlichter und dicke weiße Kerzen geben der sehr gedämpften elektrischen Beleuchtung die notwendige Verstärkung.

Das Salatbüfett ist fein, aber klein. Damit die Zutaten für die Beilagensalate immer frisch bleiben, sind überschaubare Mengen von Blattsalaten, Karotten, Paprika, Tomaten, Sprossen, Gurken, Feta, Thunfisch, Mais, Ei-Julienne etc. in Schüsseln angerichtet (Beilagensalat 4,90 Euro). Das Blue-Cheese-Dressing schmeckte etwas vorgefertigt. Statt Büfett sollte man vielleicht zwei oder drei Salatzusammenstellungen anbieten.

Sehr gut gefiel uns die „Crowne’s Muschelsuppe“, eine gekonnte Interpretation der Boston Clam Chowder, auch wegen ihrer Einlage, die nicht nur aus Muscheln bestand, sondern zusätzlich aus Gemüsewürfeln und Speck, und einfach lecker war (6,90 Euro). Die Hummersuppe fiel dagegen etwas ab, schon weil sie, von ein paar Kräutern mal abgesehen, tendenziell dünn und langweilig wirkte (6,90 Euro). Die nette Kellnerin sah das ganz genau wie wir und hatte uns schon gewarnt, das wirkte sehr sympathisch. Vielleicht sollte sie mal ein ernstes Wort mit dem Koch wechseln. Die kleinen aufgebackenen Olivenbrötchen schmeckten hingegen sehr gut.

Der gegrillte Thunfisch blieb hinter dem Fleischerlebnis zurück und schmeckte an den Rändern ein bisschen pappig. Vielleicht gehört der Koch ja zu den politisch korrekten Menschen, die nicht unnötig den Appetit auf die vom Aussterben bedrohte Art schüren wollen. Dazu gab es schwarzen, aromatischen Reis und etwas Sojasauce (19,50 Euro).

Die Weinkarte ist nicht sehr groß, bietet aber passend zum Sonntagsbraten eine schöne Auswahl amerikanischer Weine, unter anderem von Mondavi und Fetzer, umfasst auch deutsche Weine, zum Beispiel von Schloss Proschwitz. Wir entschieden uns für den preisgünstigen chilenischen Hauswein, „Casa de Campo“, der so gut zum Essen passt, dass der Kellner mit offensichtlicher Routine nachgießt, sobald sich der Spiegel im Glas senkt. Es gebe ihn ja auch offen, sagte er vergnügt (23,50 Euro, 0,1l 3,50 Euro).

Gut gefiel uns der Nachtisch, ein Limonentörtchen mit köstlichem Zwergorangenragout, Himbeeren und Kapkirsche – erfrischend und originell (6,90 Euro).

Weniger gut gefiel uns der letzte Akt des ansonsten freundlichen und auch weitgehend aufmerksamen Kellnerteams. Das Kästchen mit dem Wechselgeld wurde einfach mal einbehalten. Solche Gesten von Trinkgeldpiraterie sind wie kaum etwas sonst geeignet, Gäste zu verärgern. Aus pädagogischen Gründen habe ich den Betrag in diesem Fall nicht reduziert, weil nicht mal fünf Prozent in dem Kästchen lagen, sondern aufgestockt. Ich hoffe, dass die Botschaft, sich nicht aus Angst vor dem Geiz der Gäste mit zu wenig zufrieden zu geben, angekommen ist.

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