Von TISCH zu TISCH : Winklers

Rahmschmarren mit Erdbeermark

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Winklers, Leibnizstr. 41, Charlottenburg, Tel. 9786 3537, Dienstag bis Sonntag ab 17 Uhr geöffnet.
Winklers, Leibnizstr. 41, Charlottenburg, Tel. 9786 3537, Dienstag bis Sonntag ab 17 Uhr geöffnet.

Dies ist die hohe Zeit der Das-haben-wir-doch-schon-immer-gesagt-Esser. Die anstrengende Experimentierküche, ihr Hassobjekt, wurde, wie es scheint, sanft zu Grabe getragen von ihrem Erfinder Ferran Adria selbst, kein Küchenchef mag sich mehr offensiv bekennen zu Dekonstruktion und Sphärifikation und all den anderen Tricks, die die feine Küche eine Weile dominierten.

Es wäre also mal wieder Zeit, die Konterrevolution auszurufen und die neue Deftigkeit heraufzubeschwören; Wolfram Siebeck, der noch bei jedem Aufbruch vornweg war, wenn er ihn anschließend auch als Erster für gescheitert erklären durfte, stellt im aktuellen „Feinschmecker“ beispielsweise deutsche Rezepte vor – das wäre ein Zeichen. Allerdings deutet die Verwendung eines so undeutschen Gewürzes wie Curry in der Hand des Meisters darauf hin, dass noch nicht alles verloren ist und wir nicht demnächst alle gezwungen sind, im Sterne-Restaurant kiloschwere Kohlrouladen runterzuwürgen.

Wo wären aber nun die Zitadellen der neuen Deftigkeit? Seit ein paar Monaten raunt die Szene über ein Kleinstrestaurant namens „Winklers“, das auch noch in der von allen guten Metropolen-Geistern verlassenen Leibnizstraße liegt – es soll sich, psst, fast schon um die Stammkneipe der Herren Lohse und Wodarz handeln, die man privat ja häufig in vielen Betrieben findet, wo es nicht so schmeckt wie bei ihnen selbst ...

Das Restaurant ist ein kleiner Familienbetrieb im ureigensten Sinn. Er kocht, sie bedient, das ist alles, sieht man davon ab, dass hinten im Durchgang zum Klo bei unserem Besuch noch Freunde oder Verwandte saßen und qualmten, was, mit Verlaub, nicht unbedingt professionell wirkt. Der winzige Gastraum, von offenem Backstein dominiert, ist ganz gemütlich, wenn auch die Bistro-Stühle kneifen. Das komplette Essensangebot steht, sehr retro, auf einer Kreidetafel an der Wand, und es ist sehr klein, selbst wenn wir es an den Möglichkeiten eines Alleinkochs messen: Zwei Suppen, vier Fleischgerichte, Käse, ein Dessert, dazu ein Spaghettigericht, das durch Beigabe von Jakobsmuscheln auch gleich die Fischesser zufriedenstellen muss.

Das ist knapper als alles, was ich jemals in einem Berliner Restaurant gesehen habe, und ganz offensichtlich haben Vegetarier hier nichts verloren. Fleischesser mit Hang zum Hauptgang ohne Vorspeise allerdings dürften glücklich und satt werden. Da war zum Beispiel ein Angus-Rinderfilet, eingewickelt in Serrano-Schinken, auf einem Sockel von Kartoffelpüree, mit Steinpilzen in Sahne, braunem Fleischjus und ein paar Zucchinischeiben, die wohl als Farbtupfer gedacht waren. Das alles schmeckte solide, aromatisch und kraftvoll, und es hätte zweifellos auch einen überdurchschnittlichen Lastwagenfahrer gesättigt. Allenfalls die schlabbrigen Pilze, kaum aus Frischware zubereitet, enttäuschten.

Noch runder war der rheinische Sauerbraten, angerichtet mit Rotkohl und akkuraten Thüringer Klößen, zart im Biss und angenehm gewürzt – im Prinzip wie zu Hause, wenn sich der Hobbykoch Mühe gibt. Vorher haben wir dann doch noch die Suppen probiert, die prima auf den Punkt gebracht waren, aber auch schon recht sättigend ausfielen: Rote-BeteSuppe mit Croûtons, Schinkenstreifen und einem Klacks Sahne sowie eine schön aromatische, ebenfalls sahnige Fischsuppe französischer Richtung, die es klein im Glas und groß auf dem Teller gab – dann vermutlich sogar mit Fischstücken.

Die Chronistenpflicht trieb uns schließlich zur Bestellung eines Rahmschmarrens mit Erdbeermark, der aber nur noch in Kleinstmengen hinunterging. Nicht schlimm, denn er war ziemlich trocken gebraten und deutlich übersüßt. (Hauptgänge 17–27 Euro, Suppen 4–11 Euro, Dessert 6,50 Euro). Die Weinkarte ist sehr klein, überwiegend auf Deutschland beschränkt und freundlich kalkuliert: Gerhard Aldingers gute rote Cuvée namens „Bentz“ gibt es für 25 Euro.

Bitte: Ich fand’s ganz nett, und es hat geschmeckt. Aber für eine baldige Wiederholung lag mir das Ganze doch ein wenig zu schwer im Magen.

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