Essen & Trinken : Von Tisch zu Tisch: Zarte Sensationen: Bocca di Bacco in Mitte

Bernd Matthies

Noch eine kulinarische Lücke in Berlin: das italienische Großstadtrestaurant. Was wir haben, sind in Würde gealterte Edel-Pizzerias, mehr oder weniger gelungene Trattoria-Imitate und ein paar coole Kästen mit teurem Na-ja-Essen und gelegentlichem Prominentenbesuch; dazu den Sonderfall "Ana e Bruno". Es wäre noch Platz für was Metropolitan-Norditalienisches ohne Konzessionen an den deutschen Pasta-Geschmack - und da steht es schon: Bocca di Bacco, ein Ableger des von Legenden umwobenen "Bacco" in Schöneberg, geleitet von dessen Juniorchef Alessandro Mannozzi. Groß, stilsicher eingerichtet, angenehm, bequem.

An dieser Stelle ist eine Grußadresse an den Beamtenbund fällig, dem das Haus gehört. Er hätte hier sicher eine weitere Filiale von Jupiter & Hauritz einrichten können und damit das Vierfache verdient; so ist in bester Lage ein Restaurant entstanden, das wirklich Platz bietet, bis hin zu einer großzügigen Sitzgruppe vor der Bar. Für die Küche ist Lorenzo Pizzetti zuständig, einer der beiden Bacco-Küchenchefs, dessen Arbeit ich bislang nicht richtig beurteilen konnte - hier hat er mich mit akkurater, völlig schnörkelfreier und auf besten Produkten basierender Arbeit sofort überzeugt. Genauer: Es reichte schon ein sensationell zarter Oktopus mit Kartoffeln, edelstem Olivenöl und etwas Pfeffer, eine Vorspeise, die man nicht besser machen kann. Beim Salat aus Perlgraupen und Garnelen war es ebenfalls die zart knackige Konsistenz der sensibel behandelten Meerestiere, die dieses Gericht aus der Masse weit heraushob.

Weiter mit Nudeln, bemerkenswert. Wir verweigerten uns der allgegenwärtigen - und allmählich nur noch neureichen - Diktatur der weißen Trüffel und wurden mit fabulösen Spaghetti belohnt, denen Bottarga, der rare getrocknete Meeräschenrogen, einen generösen Hauch von Hafen verlieh; dazu ein paar geschmorte Kirschtomaten, sonst nichts. Ebenso stilrein ohne jegliche Würzorgien präsentierte die Küche die Pappardelle mit Hasenragout, und es war nun keine Überraschung mehr, dass die krosse Kalbsleber in Salbeibutter eine geradezu exemplarische Ehrenrettung dieses viel geschundenen Gerichts bedeutete. Den Broccoli hätten wir entbehren können, aber es ist wohl verzeihlich bei einem neuen Restaurant, wenn sich die Küche nicht gleich zur größten Konsequenz durchringen kann. Das galt besonders für die seltsam ledern-glasige Kartoffel, die einer ansonsten perfekten, fürsorglich entgräteten Dorade beilag. Dazu klein geschnittene, sehr würzige Artischockenstreifen mit Olivenöl, keine Sauce, natürlich nicht.

Schließlich gilt hier auch für die Desserts, dass sie nicht durch augenfällige Innovation, sondern durch das entscheidende Mehr an Qualität bestechen. Crema catalana, höchst geschmeidig, mit einem Hauch Orange, Maronenparfait mit Kaki-Püree, ganz von den typischen Aromen bestimmt und erfreulich unsüß. Um die Weine zu würdigen - man firmiert auch als "Enoteca" - kamen wir ein wenig zu früh, denn die richtige Karte war noch nicht fertig. Doch das Angebot umfasst die meisten großen Namen, und der Chef, ein Weinverrückter, hat sogar deutsche und spanische Weine im Angebot. Ein famoser Pinot Bianco von Mario Schiopetto kostet 47 Euro, Vorspeisen um 12, Hauptgerichte um 20 Euro. Das ist die Sache nun wirklich wert, denn es gibt dafür die Essenz der norditalienischen Küche. Die weiß übrigens auch Michael Steiner zu schätzen. Am Abend seines Rücktritts speiste der frühere Kanzleramtsberater hier.

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