Von TISCH zu TISCH : Zollpackhof

Weintrinker am Rande des Biergartens

Elisabeth Binder

Die Kombination eines Biergartens mit einem veritablen Restaurant hat sich in den letzten Jahren immer häufiger durchgesetzt. Im Biergarten sitzt man zünftig auf Bänken und holt sich sein Essen selber. Im Restaurant darf man sich zurücklehnen und bekommt serviert. Die Natur fordert auf jeden Fall ihren Tribut.

Der grün-weiß gewürfelte Tischläufer im Zollpackhof war schon heftig zugekrümelt, aber nicht so heftig, dass die reichlich vorhandenen dicken Flecken verdeckt gewesen wären. Zwischen den Ritzen im rustikalen Tisch hatten sich Pollen und Blätter verfangen. Unten im Garten dröhnten Fernsehschirme für die Anhänger des Public Viewing, auf der anderen Seite der Spree leuchtete still und gewaltig das Kanzleramt in der Abendsonne und ganz im hinteren Teil der Terrasse war es angenehm ruhig. Innen ist das geräumige Restaurant modern in dunklen Farben eingerichtet. Draußen ist es vor allem zünftig.

Die Geschichte des Grundstücks, auf dem schon 1698 ein hugenottischer Zuwanderer ein Gartenlokal als Ausflugsziel für die besser gestellte Berliner Gesellschaft etablierte, macht Appetit auf Genüsse jenseits des Bierkrugs. Die sind auch reichlich vorhanden, vom offenen Champagner (9 Euro) über den makellos kalt servierten Prosecco (4,50 Euro) bis zum Riesling Sekt (5,50 Euro). Und die dicksten Krümel werden auch noch vom Tisch gefegt, bevor die Vorspeisen aufgetragen werden und dazu überraschend frisches Baguette.

Den originellen Wildkräutersalat mit gebratenen Jakobsmuscheln und warmen Cherrytomaten hätte man dem Lokal nach dem ersten Eindruck in dieser überzeugenden Qualität gar nicht zugetraut. Der ganz leise knirschende gemischte Salat mit einem kaum merklichen Balsamico Dressing und erstaunlich weichen gebratenen Scampi entspricht schon eher dem Biergarten-Ambiente.

Die Erwartungen werden freilich gleich wieder höher geschraubt durch die Grandezza, mit der der Kellner den Wein entkorkt und mit einer leuchtend weißen Serviette ummantelt, einen 2006er Sancerre „La Moussière“ von Alphonse Mellet, der in all seiner fruchtigen Goldigkeit nicht nur in der richtigen Temperatur aufgetragen, sondern auch in einem silbernen Kühler auf Eis gelegt wird. Ich sage das nur, weil es leider nicht selbstverständlich ist, dass Weintrinker hart am Rande von Biergärten in dieser Weise hofiert werden oder auch nur auf eine achtbare Auswahl an Weinen hoffen dürfen. Ob das die Politiker-Klientel macht, die sich in unmittelbarer Nähe des Regierungsviertels hier vom Biertrinken mit dem Wahlvolk ausruht? Auch vom offenen roten mittelburgenländischen Blaufränkischen mit weichen Vanillenoten wurden wir später beim Käse aufs Angenehmste überrascht (0,2 l für 3,50 Euro).

Die Service-Geschwindigkeit ließ im Laufe des Abends noch etwas nach. Wenn es ganz voll ist, könnte das zur Geduldsprobe ausarten.

Das Schweinefilet „Altertümlicher Art“ war nicht so hart, wie der Name vermuten ließe. Es war sogar ganz zart. Der altertümliche Part kam bei der Sauce zum Tragen, angeblich eine Dijonsenfsauce, aber den Senfgeschmack hatte irgendein Geschmackshelfer aus Omas Gruselkabinett platt gemacht. Dafür schmeckten das Kartoffelgratin ganz gut und ebenso die knapp gegarten Blumenkohlröschen (14,50 Euro). Das „kross gebratene Zanderfilet“ war innen weiß und saftig, außen tatsächlich kross, ruhte auf köstlichem Champagnerkraut, das wiederum zwischen apart angerichtetem Sahnepüree lagerte (15,50 Euro).

Zum Schluss gab’s wunderbar cremigen Brie de Meaux mit Trauben, Kapkirschen, Trüffelgeschmack und fruchtigem Feigensenf (9,50 Euro).

Altmodischerweise könnte man sich hier sogar noch Zigaretten an den Tisch bringen lassen. Vielleicht testen die Politiker daran ja mal ihre eigenen Grenzen aus. Vielleicht beschränken sie sich aber auch aufs preiswerte Mittagsmenü für 7,50 Euro. Darin enthalten ist aber nur ein Softdrink. Bei der überdurchschnittlich guten Weinauswahl wäre es schade, es dabei zu belassen.

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