Wild auseinandernehmen : Erlegt, zerlegt

Winterzeit ist Wildzeit. Als unser junger Autor erzählte, er gehe am Wochenende jagen und nehme die Tiere aus, sagten wir: Schreib das auf! Er fuhr los und hatte Schwein.

Jesko zu Dohna
Unser Autor hatte Schwein - eines wie dieses.
Unser Autor hatte Schwein - eines wie dieses.Foto: Fotolia

Ich zerlege gern tote Tiere. Erzähle ich meinen Freunden von meinem heimlichen Hobby, drehen die sich mit Schaudern um. Für mich hat das Ausnehmen, Häuten und Zerlegen von Wildbret nichts Ekliges, im Gegenteil, es ist der normale Prozess vom lebendigen Tier zum Bratenstück. Daran denken viele nicht mehr, wenn sie in die Currywurst beißen. „Entleibte Speisen“ nennt Sternekoch Vincent Klink das Phänomen. Im Supermarkt werden steril abgepackte oder ansehnlich drapierte Fleischstücke vorgelegt. Das blutige Gehacke der Metzger soll sich gefälligst im Verborgenen abspielen. Dabei hatte jedes Filetsteak mal Hörner, jede Leberwurst tollte auf vier Beinen über die Weide. Und jeder Kebabspieß hatte wolliges Fell.

Ich werde oft gefragt, ob ich damit in der Kindheit angestaute Aggressionen abbauen müsse. Der Grund ist weniger psychologisch: Früher war ich jeden Sommer in Kärnten auf dem Bauernhof. Ich verbrachte Stunden im Stall, kümmerte mich um Ferkel und Kälber. Der Bauer meinte, ich solle nicht enttäuscht sein, wenn das Lämmchen mit dem treuen Blick bald in der Schlachtkammer hinterm Haus ende. Der Gedanke war grausig, aber ich verstand: Am Ende sind es Nutztiere, die den Lebensunterhalt der Familie sichern.

Mein Bruder und ich haben auf dem Hof unseres Onkels in Schleswig-Holstein das erste Mal gejagt und sind mit ihm auf den Hochsitz gestiegen. Unsere Tante kochte später, was die Tiefkühltruhe hergab, Maibock, Wildenten oder herbstlichen Hasenbraten.

An diesem Wochenende habe ich mich mit meinem Bruder zur Jagd verabredet. Er soll schießen, ich das Tier zu Fleisch verarbeiten. Trotz Ansitzsack und Taschenofen ist es bitterkalt auf dem Hochsitz. Wir warten in der Dämmerung an einer Lichtung im Wald, wo Wildschweine mit Mais angelockt werden. Als ich fröstelnd auf dem dünnen Holzbrett herumrutsche, faucht er mich an: „Du quatscht zu viel, kannst nicht still sitzen, das war früher schon so.“

Plötzlich raschelt es. Bevor ich etwas erkennen kann, schießt mein Bruder. „Ein Schwein“, raunt er. Wir warten eine Zigarettenlänge, um sicher zu sein, dass das Schwein tot ist, dann gehen wir zum Anschuss. Vor uns liegt ein struppiger Frischling. Seine Augen blitzen im Licht der Taschenlampe, er wiegt bestimmt 40 Kilo.

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