Euro : German Angst

Nicht Terror und nicht Naturkatastrophen – die Euro-Krise jagt den Deutschen Furcht ein. Drei Viertel der Bürger fürchten, dass letztlich der deutsche Steuerzahler für die Euro-Schuldenländer einspringen muss.

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Grafik: Fabian Bartel

Vor nichts haben die Deutschen so viel Angst wie vor der Euro-Krise. Fast drei Viertel der Bürger befürchten, „dass sie die Rechnung für die Euro-Schuldenkrise bezahlen müssen“, sagte Rita Jakli, Leiterin des Infocenters der R+V Versicherung, am Donnerstag in Berlin. „Angesichts dieser Bedrohung treten alle anderen Sorgen in den Hintergrund.“

Seit mehr als 20 Jahren fragt die GfK im Auftrag der R+V die Bürger nach ihren größten Ängsten. Die repräsentative Studie gilt als Seismograf für die Befindlichkeit der Deutschen. 16 Themen werden jedes Jahr standardmäßig abgefragt, darunter die Angst vor Naturkatastrophen, Konjunktureinbrüchen oder dem Zerbrechen der Partnerschaft. Seit dem vergangenen Jahr erkundigen sich die Forscher explizit auch nach dem Euro. Damit treffen sie den Nerv der Bevölkerung: 73 Prozent der Deutschen und damit drei Prozent mehr als im Vorjahr fürchten, dass letztlich sie die Zeche für die Schuldenkrise der klammen Euro-Länder zahlen werden. Das ist der zweithöchste Wert, der jemals in der „Ängste-Studie“ gemessen wurde, ein deutliches Indiz dafür, dass die Euro-Krise den Bürgern an die Substanz geht. Zwei Drittel glauben zudem, dass der Euro in Gefahr ist, fünf Prozent mehr als im Vorjahr.

Manfred Schmidt, Professor am Institut für Politische Wissenschaften der Universität Heidelberg, hält die Ängste der Menschen für berechtigt. „Die Leute sind nicht doof“, sagte Schmidt. „Die Kosten für die Euro-Rettung sind hoch, die Bevölkerung registriert das.“ Und das sogar besonders aufmerksam. Denn in Deutschland ist die Angst vor Inflation traditionell stark ausgeprägt. Die Hyperinflation in der Weimarer Republik und die Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen gegraben, erklärt Schmidt die Angst vor dem Verlust der Kaufkraft. Irrational findet der Politologe das nicht: Eine hohe Inflation schade vor allem Kleinverdienern und Rentnern, deren Vermögen vernichtet würden. „Die Wohlhabenden können leichter ausweichen und ihre Vermögen ins Ausland verlagern.“

Hinzu kommt, dass die Deutschen der Politik nicht zutrauen, die Krise zu lösen. 60 Prozent der Befragten sehen die Wirtschafts- und Finanzkraft Deutschlands durch Beschlüsse der EU gefährdet, aber auch die deutschen Politiker kommen im Urteil der Bürger kaum besser davon. 55 Prozent der Befragten halten sie für überfordert. In Berlin sind es sogar 61 Prozent – eine Konsequenz des Flughafendesasters. Ansonsten liegt die Hauptstadt im Bundestrend. Der Angstindex, in dem alle Einzelpunkte zusammengefasst werden, beträgt an der Spree 40 Prozent und ist identisch mit dem Bundesdurchschnitt. Bemerkenswert: Auf Bundesebene stellen die 40 Prozent den niedrigsten Wert seit fast zwei Jahrzehnten dar.

Das ist kein Wunder, denn wenn die Angst um den Euro nicht wäre, ginge es den Deutschen ganz gut. Die Furcht vor Terror, Krieg oder Straftaten ist gesunken, auch ihre persönliche Zukunft sehen die meisten eher optimistisch. Nur noch jeder Dritte hat Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Im Vorjahr waren es noch vier Prozent mehr. Und auch die Angst, im Alter ein Pflegefall zu werden, hat abgenommen. Manche sähen die Zukunft aber vielleicht sogar ein wenig zu rosig, warnt Rita Jakli. So befürchten nur 16 Prozent der Deutschen, dass ihre Partnerschaft zerbrechen könnte. „Tatsächlich wird aber jede zweite Ehe geschieden“, gibt Jakli zu bedenken.

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