Eurostar : Erste Abfahrt St.Pancras

London ist an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen. Der neue Eurostar-Bahnhof in St. Pancras hat seinen Betrieb aufgenommen. Auf der Strecke London - Paris sparen Reisende künftig etwa 20 Minuten.

Markus Hesselmann[London]
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Pompös eröffnet: Der Bahnhof in St. Pancras -Foto: AFP

Hier und da steht noch ein Plastikhütchen, um frisch bearbeitete Stellen auf dem Boden zu schützen. Die Schaufenster von Läden wie „Crepe Affaire“ oder „Le Pain Quotidien“ sind noch verklebt. Nicht alle wurden rechtzeitig fertig für den großen Tag, an dem Großbritannien wieder ein Stück näher an den Kontinent rückt. Pünktlich um 11.03 Uhr rollte gestern der erste Eurostar aus seinem neuen Londoner Start- und Endbahnhof St. Pancras International in Richtung Paris. Kurz darauf folgte der Zug nach Brüssel. Großbritannien hat mit der neuen Trasse den Anschluss an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz geschafft.

Die Reise von Paris nach London – Spitzentempo: 300 Stundenkilometer – verkürzt sich um 20 auf 135 Minuten. Die Verlegung des Start- und Endpunkts vom Bahnhof Waterloo an der Themse in den Norden Londons hilft vor allem den Reisenden von und nach Mittel- und Nordengland. Von dort laufen die Züge direkt in St. Pancras oder aber in den nahegelegenen Bahnhöfen King’s Cross oder Euston ein. Die Fahrt mit der U-Bahn durch ganz London entfällt.

Mary Taylor profitiert von der neuen Verbindung. Sie kommt aus Cambridge, 80 Kilometer nördlich von London, und will nach Paris. Sie nimmt als Beobachterin für die Umweltorganisation „Friends of the Earth“ an der Premierenfahrt teil. „Ich finde das alles sehr aufregend“, sagt sie. „Ich hoffe, dass jetzt noch viel mehr Leute mit dem Zug fahren, statt zu fliegen. Es ist so viel besser für die Umwelt.“

Auch der Bahnhof St. Pancras selbst ist ein Ereignis. Vor dem Kopf thront das Hotel Midland mit seiner roten Backsteinfassade und seinen neogotischen Türmen und Fenstern. Ein Teil davon ist zurzeit eingerüstet. Bis 2009 soll der viktorianische Prachtbau wieder glänzen: als Fünf- Sterne-Hotel und Apartmenthaus der Luxusklasse, in dem das teuerste Penthouse 15 Millionen Euro kosten soll. Dahinter erstreckt sich die Metall- und Glaskonstruktion des Bahnhofs. Unter dem lichten Dach bleibt auch hier der rote Backstein bestimmend. 1,2 Milliarden Euro hat der Umbau gekostet. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zum Kanaltunnel verschlang rund 7 Milliarden Euro.

Jonathan Price ist nach Brüssel unterwegs. Als Direktor einer Immobilienfirma reist er oft auf den Kontinent. „Im Flugzeug ist es mir zu klaustrophobisch“, sagt er. Nach Brüssel oder Paris nimmt er immer den Zug, mit der neuen Zeitersparnis überlegt er sich dies künftig auch für Reisen nach Köln – und vielleicht sogar nach Berlin. „Obwohl das vielleicht ein bisschen weit wäre“, sagt Price.

Paris dagegen liegt vor der Tür. Allzu bequem war die Reise dorthin allerdings gestern nicht. Streik in Frankreich: Nach der Ankunft gab es Probleme im Nahverkehr. Dabei können die Franzosen den Briten eigentlich dankbar sein für die Verlegung des Eurostar-Bahnhofs. Jetzt werden sie nicht mehr bei jeder London- Fahrt an die verlorene Schlacht von Waterloo erinnert. St. Pancras ist wie der Ortsteil drumherum nach einem römischen Märtyrer benannt. „Vergesst Waterloo“ hieß der Slogan einer Kampagne für den neuen Bahnhof. „Das versuchen die Franzosen doch schon seit 1815“, schrieb der „Daily Telegraph“ daraufhin.

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